Prisma | Veröffentlicht in MIZ 4/25 | Geschrieben von Carolin Kosuch und Redaktion MIZ

„die erste und zweite Blütephase des europäischen Atheismus“

Ein Gespräch mit der Historikerin Carolin Kosuch über ein außergewöhnliches Forschungsprojekt

Es wäre falsch zu behaupten, dass der Atheismus überhaupt nicht beforscht worden wäre. Mit den mehrbändigen Ausgaben von Fritz Mauthner und Hermann Ley gibt es allein zwei umfangreiche deutschsprachige Werke zur Geschichte des Atheismus. Trotz­dem ist im Vergleich zu anderen philosophischen Fragen die wissenschaftliche Literatur überschaubar. Nun wurde ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das eine wichtige Grundlage schaffen könnte, dass sich dies in Zukunft ändert. MIZ sprach mit der Leiterin von European Entangled Atheisms: Concepts of Unbelief and the People Shaping them from the 1860s to the 1940s über das Forschungs- und Editionsvorhaben.

MIZ: Das Projekt European Entangled Atheisms ist europäisch angelegt. Aus welchen Ländern beteiligen sich Wissenschaftler:innen? Wie ist es ausgestattet?

Carolin Kosuch: Bei unserem Projekt handelt es sich um ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Wissenschaftliches Netzwerk. Solche Netzwerke sollen die deutsche und internationale Wissenschaft miteinander verbinden und ergebnisoffen über einen längeren Zeitraum gemeinsam Forschung an einem Thema ermöglichen. Forschende zum Thema Atheismus arbeiten verstreut in verschiedenen Ländern. Das Netzwerk-Format bietet uns einen guten Rahmen, um zusammenarbeiten zu können. Wir treffen uns über einen Zeitraum von drei Jahren einmal jährlich an wechselnden Standorten in Deutschland, zwischendurch gibt es Zoom-Treffen und eine gemeinsame 
wiki-Plattform für asynchrone Zu­sam­menarbeit. Die DFG finanziert Reise­kosten und Unterbringung, was für uns eine große Hilfe ist. Unser Ziel ist eine Quellenedition zum europäischen Atheismus der 1860er bis 1940er mit wissenschaftlicher Annotation und Be­gleit­texten. Das alles soll eine online-Publikation werden, sodass unsere Forschungs­ergebnisse für alle einsehbar und nutzbar sind. Für das Projekt arbeiten Forschende aus Deutschland, Großbritannien, Schweden, Finnland, Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Österreich, Griechenland, Slowenien und Spanien zusammen.

MIZ: Lässt sich schon sagen, wo die Quellenlage besonders gut und wo sie besonders dürftig ist?

Carolin Kosuch: In der Tendenz kann man sagen, dass Quellen zum Atheismus kaum und wenn dann nur die „großen Namen“ digitalisiert sind. Wir sind wirklich auf das ExpertInnenwissen unserer Netzwerkmitglieder angewiesen – und auf deren Archivkenntnisse. Ich arbeite beispielsweise zur Geschichte des Atheismus in der Schweiz, die kaum erforscht ist. Dafür greife ich u.a. auf Bestände des Schweizer Sozialarchivs in Zürich zurück. Unser Ziel ist es bei allem ja, auch die weniger bekannten Stimmen zum Atheismus mit einzufangen und z.B. auch Karikaturen oder Gedichte als Quellen mit einzubeziehen, die atheistische Mentalitäten spiegeln.

MIZ: Wie wird denn nach dem in der Pressemitteilung angesprochenen „verstreuten Archivmaterial“ gesucht?

Carolin Kosuch: Da geht es um die klassische Quellenrecherche: In historischen Zeitungsbeständen, in Archiven, in gedruckten Arbeiten, aber auch in Briefwechseln oder Reden. Wir versuchen, den gesamten Zeitraum durch die Quellen abzudecken und auf Verbindungen zwischen den einzelnen europäischen Atheismen zu achten, die erstaunlich vielfältig sind, soviel kann ich schon sagen. Es ist wirklich ein verflochtenes „Netz“ europäischer Atheismen, die da zusammenkommen.

MIZ: Warum beginnt der Forschungs­zeitraum erst in den 1860er-Jahren? Feuerbachs Wesen des Christentum erschien 1841, mit den Revolutionen von 1848 wurde in vielen Ländern die zumindest formale Religionsfreiheit erkämpft...

Carolin Kosuch: Das hat mit unserem europäischen Blickwinkel zu tun. Grob gesagt handelt es sich um eine Zeit (1860er–1940er), die wir als die erste und zweite Blütephase des europäischen Atheismus verstehen können. Intellektuell war dies das Zeitalter des Positivismus und des Materialismus, sozial und politisch die Epoche von Säkularisierung und Kulturkämpfen, während auf der organisatorischen Ebene freidenkerische Bewegungen, humanistische Vereinigungen sowie sozialistische und kommunistische Parteien und Parteigänger den Atheismus häufig sehr explizit vertraten. In diesen Jahrzehnten wurde Atheismus nicht nur denkbar, sondern in bestimmten intellektuellen Kreisen, unter Künstlern und Künstlerinnen und in Teilen der Arbeiterbewegung auch lebbar.

MIZ: Wie eng oder weit wird „Atheis­mus“ denn definiert?

Carolin Kosuch: Wir starteten erst einmal mit einer recht engen Definition, also Atheismus als Selbstbezeichnung/Fremdbezeichnung in den Quellen, nicht aber Begrifflichkeiten fokussierend wie Humanismus oder Freidenkertum (obgleich beide natürlich oft mit atheistischen Positionen einhergingen). Aber natürlich ist die Erarbeitung einer Definition, die unserem gesamt­europäischen Projekt gerecht wird, Teil unserer Arbeit. Das nächste Netz­werktreffen im September wird ganz im Zeichen der „Terminologien“ und „Definitionsmöglichkeiten“ stehen. Wir haben dazu auch noch ExpertInnen eingeladen, die uns Impulse aus ihrer Forschung (Soziologie, Religions­wissenschaft) geben werden. Wir sind selbst gespannt und hatten auch schon erste Kontroversen über diese Frage.

MIZ: In Deutschland ist das Aufkommen des Atheismus im 19. Jahrhundert mit dem Erstarken des liberalen Bürgertums und der organisierten Arbeiterbewegung verknüpft. Ist das der Rahmen, in dem sich Atheismus auch in den anderen Ländern verbreitet, oder gibt es dort andere Denk­traditionen und Lebenswelten?

Carolin Kosuch: Beide sind wichtige Ankerpunkte des Atheismus und seiner Geschichte in ganz Europa. Ich würde aber sagen: Atheismus stellte in dieser Zeit für viele Menschen ein Faszinosum dar, immerhin ist es die Epoche des weltanschaulichen Aufbruchs. Auf dem sich auftuenden „Markt der Weltanschauungen“ ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (wenn wir das Geschehen so nennen wollen) finden wir Affinitäten zu atheistischen Positionen z.B. auch unter Spiritistinnen und Spiritisten, die eher aus dem Kleinbürgertum stammten, mitunter auch bei Adeligen wie dem bekannten russischen Anarchisten Piotr Kropotkin.

MIZ: Was genau soll im Rahmen des Projektes betrachtet werden: eher die Ideengeschichte oder eher der Niederschlag im alltäglichen Leben?

Carolin Kosuch: Wir hoffen, beides zu verbinden, Ideengeschichte und auch die eher verborgeneren Atheismen, z.B. den Atheismus in Bildungszeitschriften, die von Lehrern herausgegeben wurden. Von ihnen haben wir heute kaum noch Kenntnis, oft aber machten sie atheistisches Denken überhaupt erst positiv diskursfähig und lösten es von der bloßen Skandalisierung los.

MIZ: Wird die Untersuchung der Diskriminierung und Verfolgung von Atheistinnen und Atheisten ein größere Rolle spielen?

Carolin Kosuch: Gelegentlich schon, wir wollen aber keine Diskriminie­rungsgeschichte schreiben, sondern eine Verflechtungsgeschichte atheistischen Denkens in Europa erarbeiten. Dennoch: Ohne Strafprozesse und Diffamierungskampagnen wird eine solche Geschichte kaum schreib­bar sein: Oft bildete sich ja in Abwehr­reaktion auf die Anwürfe gegen die atheistische Denkart überhaupt erst ein Bewusstsein heraus, sich gemeinsam für die atheistischen Positionen einzusetzen, Zeitschriften zu gründen und Aufklärungsarbeit zu leisten.

MIZ: Als Ziel wird die Entwicklung einer digitalen Quellenedition benannt, die in englischer Sprache erfolgen soll. Was bedeutet das? Werden nur englischsprachige Quellen dokumentiert oder werden die anderssprachigen Quellen übersetzt?

Carolin Kosuch: Richtig, unsere Arbeit ist auch Übersetzungsarbeit, d.h. alle Quellen aus den verschiedenen europäischen Sprachräumen werden ins Englische übersetzt, um sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wir stehen hier vor großen Aufgaben, denn bestimmte Begriffe sind im westeuropäischen Kontext natürlich andere als etwa im süd- oder osteuropäischen Bereich. Ist das schweizerische „gottlos“, das wir in den Quellen finden, oder auch das polnische bezbożnik (ohne Gott, gottlos, so auch in verschiedenen anderen slawischen Sprachen) mit atheism, Atheismus, ateismo oder irreligiosità usw. gleichzustellen? Es wird uns einige Arbeitssitzungen kosten, uns hier auf eine Übersetzungsstrategie zu einigen (die wahrscheinlich plural bleiben wird, um die verschiedenen Traditionen und Zugänge sichtbar zu halten).

MIZ: Sind Anschlusspublikationen geplant, die sich an ein etwas breiteres Publikum wenden oder versteht sich das Projekt als „Grundlagenarbeit“, auf der andere dann aufbauen können?

Carolin Kosuch: Im Augenblick sind wir mit den Quellen, der Übersetzung, Annotation und den rahmenden Aufsätzen gut ausgelastet. Das Netzwerk ist ja ein (unvergütetes) Nebenprojekt zu unseren eigentlichen Tätigkeiten in Forschung und vor allem universitärer Lehre. Aber natürlich hoffen wir, unsere Arbeit könnte den Auftakt für ein größeres Grundlagenprojekt bilden, mit mehr Zeit und Ressourcen. Gerade lernen wir auch gemeinsam, wie man überhaupt eine so große IT-Dateninfrastruktur als Gruppe nutzt und nutzbar macht (was nicht so einfach ist). Die „digital humanities“ sind also auch dabei – es wäre doch schade, wenn wir das Gelernte nach dem Ende unserer dreijährigen Zusammenarbeit nicht weiter anwenden würden.

MIZ: Vielen Dank!