Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 2/26 | Geschrieben von Robert McDonald

Die Zukunft der Trennung von Staat und Kirche in den USA

Dass US-Präsident Donald Trump nahezu jede Woche versucht, gewachsene Strukturen der amerikanischen Demokratie in Rich­tung einer uneingeschränkten Präsidialherrschaft umzubauen, findet in den deutschsprachigen Medien große Beachtung. Weit weniger Aufmerksamkeit kommt seinen Bemühungen zu, die Tren­nung von Staat und Kirche auszuhöhlen. Robert MacDonald stellt im folgenden Artikel, der Veröffentlichungen säkularer US-Organisationen auswertet, einige der wichtigsten Maßnahmen vor. (MIZ-Redaktion)

Der Hintergrund

Im Ersten Verfassungszusatz der Ver­fassung der US Amerika steht: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Gründung einer Religion betrifft oder deren freie Ausübung verbietet; oder die Einschränkung der Meinungs- oder Pressefreiheit; oder das Recht des Volkes, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um eine Wiedergutmachung von Beschwerden zu bitten.“

Die darin angesprochene weltanschauliche Neutralität war nie unangefochten. Besonders im späten 19. Jahrhundert förderten Beamte de facto oft eine Form des Protestantismus. Sogar der Oberste Gerichtshof fiel dieser Mentalität gelegentlich zum Opfer. Eine entschlossene Fraktion christlicher Nationalisten hat durch die gesamte Geschichte der USA hindurch un­ablässig gegen die Politik der Trennung von Staat und Kirche gekämpft. Ende des 19. Jahrhunderts versuchten sie sogar, die US-Verfassung zu ändern, um Verweise auf Gott, Jesus Christus und das Christentum hinzuzufügen. Ihre Bemühungen scheiterten jedoch, weil sie nicht mit dem Gründungsgeist des Landes im Einklang waren. Ähnliche theokratische Vorschläge tauchten im Kongress sporadisch immer wieder auf, doch alle blieben erfolglos.
Seit einiger Zeit verändert sich Amerikas religiöse Demografie, und die religiöse Vielfalt hat sich seit der Gründung des Landes stark vergrößert. Die Zahl der Juden ist gestiegen, mehr Muslime als je zuvor leben in den USA, und nun begrüßt Amerika eine große Anzahl von Hindus und Buddhisten. Außerdem geben immer mehr Amerikaner an, keinen religiösen Glauben zu haben oder sich als Atheisten, Agnostiker oder Humanisten zu identifizieren. Das ist heute der am schnellsten wachsende Teil der Bevölkerung.
Der christliche Nationalismus ist die gefährliche Ideologie, dass Amerika eine christliche Nation sei – und bleiben muss –, geschaffen für weiße Christen. Diese nationalistische Position schließt Millionen progressiver und gemäßigter Christen sowie Nichtchristen und Nichtreligiöse aus. Sie leugnet die von der Verfassung versprochene Trennung von Kirche und Staat und lehnt Gleich­berechtigung für Schwarze und Braune, Frauen, LGBTQ+-Personen, religiöse Minderheiten und Nicht-Religiöse ab. Im Kern zielt der weiße christliche Nationalismus darauf ab, traditionelle weiße, heterosexuelle, männliche christliche Machtstrukturen zu bewahren und jeglichen Fortschritt hin zu einer inklusiveren Demokratie zu blockieren. Doch heutzutage sind nur noch 40% der Amerikaner weiße Christen.
Die Regierung von Donald Trump und die christlichen Kirchen verfolgen derzeit ein Programm von enormer Wucht, um die Trennung von Staat und Kirche zunichte zu machen.

Gefahren und Entwicklungen auf nationaler Ebene

1. The Alliance Defending Freedom

Gegründet 1994 von Führern der christ­lichen Rechten, ist die Alliance Defending Freedom zu einer der mächtigsten christlich-nationalistischen Or
­ganisationen des Landes geworden. Die Vereinigung konzentriert sich darauf, Prozesse durchzufechten, die erreichen sollen, dass Religion in öffentlichen Einrichtungen an Bedeutung gewinnt. Sie spielte eine zentrale Rolle in vielen Fällen, die vor dem Obersten Gerichtshofs verhandelt wurden, wenn es darum ging, religiös begründete Aus-
nahmeregelungen auszuweiten oder reproduktive Rechte und LGBTQ-Gleich-
berechtigung einzuschränken.

Bei einem Treffen der Alliance Defending Freedom setzte der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike John­son, sein langjähriges Bemühen fort, die Gründung Amerikas in ausdrücklich christlichen Begriffen neu zu interpretieren. In der Diskussion über die Unabhängigkeitserklärung argu-
­men­tierte er, dass die Rechte der Amerikaner „nicht von der Regierung“, sondern „vom König der Könige kommen“. Damit ersetzte er den inklusiveren Verweis der Erklärung auf einen „Schöpfer“ durch einen spezifisch christlichen theologischen Ausdruck. Johnson warnte außerdem, dass die Ablehnung des Gottesglaubens zwangsläufig zu „Marxismus, Sozialismus und Kommunismus“ führe, und sagte dem Publikum, dass die Leugnung Gottes bedeutet, dass Menschen ihre angeborene Würde und letztlich ihre Freiheit verlieren. Er beschrieb Universitäten als Orte, an denen Studierende „indoktriniert“ würden, Amerikas christliche Grundlagen abzulehnen.

2. The Taskforce to Eradicate Anti-Christian Bias

Die Executive Order 14202, unterzeichnet von Präsident Trump am 6. Februar 2025, zielt darauf ab, die Religionsfreiheit der Christen zu schützen und angebliche antichristliche Vorurteile innerhalb der Bundesregierung zu beseitigen. Dazu wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die überprüft, ob politische Maßnahmen Christen in der Regierungspraxis diskriminieren könnten – um dann Abhilfe zu schaffen.

„Kein Amerikaner sollte in Angst leben, dass die Bundesregierung ihn für seinen Glauben bestraft“, sagte der 
amtierende Generalstaatsanwalt Todd Blanche, Vorsitzender der Task Force zur Beseitigung von antichristlichen Vorurteilen. „Wie unser Bericht darlegt, haben die Maßnahmen der Biden-Regierung das Leben vieler christlicher Amerikaner zerstört. Diese Verwüstung endete mit Präsident Trump. Das Justiz-
­ministerium wird weiterhin böswillige Akteure aufdecken, die Chris­ten ins Visier genommen haben, und unermüdlich daran arbeiten, die Religionsfreiheit für alle gläubigen Ameri­kaner wiederherzustellen.“ De facto geht es meist um „Pro Life“-Aktivisten, die bei ihren Anti-Abtreibungsaktionen gegen US-Gesetze verstoßen.

3. The Religious Liberty Commission

Diese Kommission wurde im Mai 2025 
als beratendes Gremium der US-Bun­desregierung ins Leben gerufen. Unter den 14 Mitglieder waren Protestanten, Katholiken und Juden – Vertreter anderer Religionsgemeinschaften oder 
Nicht­gläubige waren hingegen nicht vertreten. Zu den von ihr durchge­führ­ten Anhörungen wurden nur Zeugen geladen, die der Trennung von Staat und Kirche distanziert gegen-
­über­standen. Diese sollten zu um­strit­tenen verfassungsrecht­lichen Fragen Stellung nehmen. Es handelte sich dabei jedoch nicht um eine objektive Untersuchung des Zustands der Religions­freiheit, sondern das Ziel war, ein Advocacy-Dokument zu erstellen.

Der unlängst veröffentlichte Be­richtsentwurf der Kommission beruht auf der falschen Prämisse, dass die verfassungsmäßige Trennung zwischen Religion und Regierung irgendwie der Religion feindlich gegenüberstehe. Der Erste Verfassungszusatz schützt die Religionsfreiheit, indem sichergestellt wird, dass die Regierung Religion weder bevorzugt noch ablehnt. Diese individuellen Rechte erlauben der Regierung jedoch nicht, religiöse Praktiken zu fördern oder ihre Autorität zu nutzen, um einen Glauben gegenüber anderen zu bevorzugen. Der Bericht ignoriert diese entscheidende Unterscheidung, weist das langjährige Verständnis des Ersten Verfassungszusatzes zurück und ignoriert dabei die überwältigenden historischen Belege, dass die Verfasser absichtlich eine konsequente Trennung zwischen Religion und Regierung unterstützten. Der Vorsitzende Dan Patrick verstieg sich sogar zu der Aussage, die Anhörungen hätten gezeigt, dass es so etwas wie die „Trennung von Kirche und Staat“ in der Verfassung nicht gebe.
Die Kommission forderte die Auf­gabe langjähriger Prinzipien des Er­sten Verfassungszusatzes sowie die Ausweitung der staatlichen Förderung von Religion an öffentlichen Schulen und anderen öffentlichen Einrich­tun­gen. Das Johnson Amend­ment solle aufgehoben werden, was dazu führen würde, dass steuerbefreite Kirchen Wahlkampf für eine Partei betreiben können. Außerdem sollen Hotlines eingerichtet werden, bei denen vermeintliche Verletzungen der Religionsfreiheit gemeldet werden können. Als Eingriff in die Unabhängigkeit der Justiz muss die Forderung verstanden werden, Bundesrtichter zu ernennen, die „den Mut haben“ Fälle zur Religionsfreiheit „nach Sachlage“ zu entscheiden (gemeint ist wohl eher: auf Basis einer bestimmten ideologischen Vision von Religionsfreiheit).

4. Memorandum Countering Domestic Terrorism and 
Organized Political Violence

Präsident Trump veröffentlichte am 25. September 2025 dieses sehr vage formulierte Memorandum mit dem Titel „Bekämpfung von inländischem Terrorismus und organisierter politischer Gewalt“, das kurz, aber explizit „Anti-Christentum“ und „Feindseligkeit gegenüber denen, die traditionelle ameri­kanische Ansichten zu Familie, Religion und Moral vertreten“ als angebliche Treiber des Terrorismus her-
vorhebt. Das Memo autorisiert regie­rungs­weite Untersuchungen gegen gemeinnützige Organisationen, Akti­visten und deren Geldgeber, wobei vage und übermäßig weit gefasste Bezeichnungen wie „Terrorismus“ und „Verschwörung gegen [Grund]Rechte“ verwendet werden.

Im Memo heißt es wörtlich: „Ge­mein­same Motive, die dieses gewalttätige Verhalten antreiben, sind Anti-Amerikanismus, Antikapitalismus und Anti-Christentum; Unterstützung für den Sturz der US-Regierung; Extremismus zu Migration, Rasse und Ge­schlecht; und Feindseligkeit gegenüber denen, die traditionelle amerikanische Ansichten zu Familie, Religion und Moral vertreten.“
Nach Einschätzung des Brennan Center for Justice erwecken die von der US-Regierung vorgelegten Daten nur deshalb den Eindruck, dass die „Antifa“ eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstelle, weil die Beispiele völlig selektiv zusammengestellt wurden (z.B. die Fälle der Ermordung demokratischer Politiker unerwähnt blieben). Unter dem Etikett „Antifa“ könnte auch gegen Religions- und Kirchenkritik vorgegangen werden.

5. Die katholische Kirche

In den USA verweigern „katholische“ Kran­kenhäuser dort beschäftigten Ärz­ten, notwendige medizinische Entscheidungen selbst zu treffen: Wenn es darum geht, ob sie eine Abtreibung vornehmen, selbst wenn es notwendig ist, um das Leben der Mutter zu retten; ob sie einen Schwangerschaftsabbruch nach einer Vergewaltigung durchführen; ob sie einen Eileiter entfernen (egal, ob es medizinisch angezeigt ist oder nicht). Der Papst entscheidet.

Ebenso schrecklich sind „katholische“ Krankenhäuser am Lebensende. Wenn man an einer unheilbaren Krankheit leidet, ständige Schmerzen hat, und sein Leben auf eigene Ent­scheidung hin beenden will, ist ein würdevoller Tod in einem katholischen Krankenhaus nicht vorgesehen. Selbst in den Bundesstaaten, in denen es legal wäre, nicht. Der Papst entscheidet.
Der Oberste Gerichtshof der USA hat 2025 geurteilt, dass eine Gruppe 
katholischer gemeinnütziger Organisationen nicht am Arbeitslosen­versi­che­rungs­programm des Bundesstaates Wisconsin teilnehmen muss – obwohl ihre tägliche Arbeit keinen Bezug zu religiösen Lehren aufweist. Laut Gerichtsunterlagen stammt ein Großteil der Finanzierung aus öffent­lichen Mitteln; zudem müssen weder die Mitarbeiter noch die Leistungsempfänger einer Glaubens­gemein­schaft angehören. Wisconsin hatte gewarnt, dass eine Ent­scheidung zugunsten der Wohltätig­keitsorganisationen dazu führen könnte, dass auch große Arbeitgeber – etwa religiös gebundene Kranken­häuser – aus dem staatlichen Arbeitslosen­versicherungs­system aussteigen.

Lokale Gefahren und Entwicklungen

In den USA findet derzeit eine unendliche Reihe von Handlungen statt – durch die verschiedensten Vertreter der nationalen Regierung oder der Bundes­staaten, durch Gemeinden, Kirchen, Gläubige und Nicht-Gläubige. Dies ist im Kern eine Fortsetzung des Kultur­kampfes, der schon vor der Ent­stehung der amerikanischen Verfassung begann, und in den das ganze Volk zunehmend hineingezogen wird. Den vielen Versuchen, die religiöse Freiheit einzuschränken, treten unzählige einzelne Bürger in jeder möglichen Weise entgegen. Die Rolle der Gerichte dabei ist wesentlich: Bislang entschieden die Richter in den meisten Fällen zugunsten der Trennung von Staat und Kirche.

Im Jahr 2022 berichtete eine Um­frage von Pew Research, dass 45 Prozent der Amerikaner glauben, das Land sollte eine christliche Nation sein. Mehr als die Hälfte dieser Menschen meinte, die Bibel solle US-Gesetze beeinflussen. Weil ich in einer Gegend in den USA aufwuchs, in der solches Denken vorherrschte, hege ich persönlich leider wenig Hoffnung auf Verbesserung. Es fehlte damals, und fehlt wohl noch heute, die Fähigkeit bei solchen Menschen, Ideen zu hinterfragen, und es fehlten und fehlen die Fähigkeit und der Wille, über komplexe Themen nachzudenken. Die Lage ist verheerend.

Organisierter Widerstand

Immerhin leisten einige Organisationen ständigen Widerstand gegen religiöse Repression; ohne sie hätten die christlichen Nationalisten das Land längst vollständig übernommen. In diesem Artikel habe ich reichlich aus Veröffentlichungen dieser Organisatio­nen zitiert: Freedom from Religion Foun­dation; The Friendly Atheist; Americans United for Separation of Church and State.