Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 4/25 | Geschrieben von Michael Scholz

Medizin ohne Menschlichkeit

Die Experimente von Sigmund Rascher im KZ Dachau

Es war in zahlreichen Ländern und Zeiten gang und gäbe, dass medizinische Experimente an Menschen auch gegen ihren Willen durchgeführt wurden. Zumeist waren dies Strafgefangene, psychisch Kranke oder andere marginalisierte Gruppen. Trotzdem waren die Vorgänge, die sich während des so genannten „Dritten Reiches“ in dieser Hinsicht geschah, einzigartig. Hier trafen gewissenlose Forscher auf ein schier unerschöpfliches Reservoir von Opfern, nämlich den Insassen der Konzentrationslagern.

Natürlich kennt heute jeder beispielsweise die Zwillingsversuche, die Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau durchführte, aber dies war nur die Spitze des Eisberges. Es gab Unterdruck- und Höhen­flug­experimente für die Luftwaffe, Seenot­experimente für die Kriegs­marine, Gasbrandexperimente und viele mehr.

Ein besonders skrupelloser Forscher war der Arzt Dr. Sigmund Rascher. 1941 war Rascher zu einem ärztlichen Auswahlkurs an das Luftgaukommando VII in München kommandiert, wo er auch an Unterdruckversuchen beteiligt war. Am 15. Mai 1941 bat er den Reichsführer-SS Heinrich Himmler um die Überlassung von zwei oder drei Berufsverbrechern, an denen man diese Versuche anstellen könne. Dies sei notwendig, da diese Versuche sehr gefährlich seien und es keine Freiwilligen dafür gäbe, auch seien Versuche mit Affen nicht zielführend, da diese andere Testbedingungen benötigten. Auch geistig Behinderte könnten als „Testmaterial“ verwendet werden.1

Himmler stimmte diesem Ansinnen zu und so konnten im Dezember 1941 die Versuchsvorbereitungen im Konzentrationslager Dachau beginnen. Das eigentliche Experiment dauerte von Februar bis Mai 1942 und wurde von Sigmund Rascher, Wolfgang Romberg und Siegfried Ruff durchgeführt. Die wissenschaftliche Aufsicht hatte der Leiter des Instituts für Luftfahrtmedizin in München, Georg August Weltz. Mittels einer Unterdruckkammer wur­den Fallschirmabsprünge aus bis zu 21 Kilometern Höhe simuliert. Hier­bei kamen keine Häftlinge zu Tode, allerdings bei den so genannten „Höhen­lageversuchen“. Hier wurden Aufenthalte in Höhen von 7,5 bis 9 Kilometern nachgestellt. Die meisten Häftlinge wurden allerdings bei Raschers Privatversuchen, über die er nur Heinrich Himmler selbst informierte, getötet. Rascher simulierte hier mittels der Unterdruckkammer Aufenthalte in Höhen bis zu 16 Kilometern, was die Versuchspersonen nicht überleben konnte. Insgesamt starben bei diesen Versuchen 70 bis 80 Häftlinge, teilweise von Raschers eigener Hand.2

Im Juni 1942 folgte, wiederum im Konzentrationslager Dachau, eine Ver­suchsreihe zur Erforschung von Unter­kühlungen im Wasser, da zahlreiche abgeschossene Flieger den Abschuss zwar überlebten, aber etwa im kalten Ärmelkanal starben. Bei diesen Unterkühlungsversuchen hatte Ernst Holzlöhner die wissenschaftliche Auf­sicht und der Luftwaffenarzt Erich Finke war neben Sigmund Rascher beteiligt.

Bei diesen Versuchen mussten Häft­linge zwischen 9 und 14 Stunden nackt bei starker Kälte im Freien stehen oder wurden in Becken mit eisigem Wasser gelegt. Hierbei starben zwischen 15 und 18 Versuchspersonen. Auch hier führte Rascher nach der Beendigung der offiziellen Ver­suchs­reihe im Oktober 1942 eigene Versuche durch, bei denen unter anderem untersucht wurde, wie schnell sich ein ausgekühlter Körper durch Zuführung „animalischer Wärme“ wieder erwärme. Hierzu wurden Häftlinge auf eine Körpertemperatur von 30°C abgekühlt und sollten dann von einer bzw. von zwei nackten Frauen wieder erwärmt werden.3 Auch über diese Versuche berichtete Rascher nur Heinrich Himmler direkt. Bei diesen Privatversuchen Raschers starben 80 bis 90 Häftlinge.

Raschers letzte Versuchsreihe im Konzentrationslager Dachau beschäf
tigte sich mit dem blutstillenden Medikament „Polygal“, das bei Ver­letzungen und Operationen eingesetzt wurde. Wie viele Häftlinge bei diesen Versuchen umkamen, ist nicht genau bekannt. Wie die Versuche abliefen, wissen wir allerdings durch eine Aus­sage von Sigmund Raschers Onkel Fritz Rascher, der seinen Neffen im Konzentrationslager Dachau besuchte, und darüber gegenüber den amerikanischen Behörden aussagte. Seine Aussage wurde im Nürnberger Ärzte­prozess am 20. März 1947 verlesen:

„Es handelt sich um einen Bericht über die Erschießung von vier Personen zu Versuchszwecken mit dem blutstillenden Präparat ‘Polygal 10’. Soweit ich mich erinnere, handelte es sich um einen russischen Volkskommissar und einen Dummkopf. An die anderen beiden kann ich mich nicht erinnern. Der Russe wurde von einem SS-Mann, der auf einem Stuhl stand, von oben in die rechte Schulter geschossen. Die Kugel trat in der Nähe der Milz wieder aus. Beschrieben wurde, wie der Russe krampfhaft zuckte, sich dann auf einen Stuhl setzte und nach etwa 20 Minuten starb. Im Sektionsprotokoll wurde der Riss der Lungengefäße und der Aorta beschrieben. Weiterhin wurde beschrieben, dass die Risse durch harte Blutgerinnsel verschlossen wurden. Das konnte die einzige Erklärung für die vergleichsweise lange Überlebenszeit nach dem Schuss sein. Nachdem ich dieses erste Protokoll gelesen hatte, war ich so schockiert, dass ich die anderen nicht mehr las.“4

Über die Polygal-Versuche schrieb Rascher zusammen mit seinem Mit­arbeiter Hans Haferkamp einen Artikel für die Münchener Medizinische Wochen­schau, in dem natürlich die Menschenversuche nicht thematisiert wurden. Eine Rüge erhielten die beiden trotzdem, denn man fürchtete an höherer Stelle, dass durch die angegebene Autorenanschrift „Dachau 3, K“ auf das Konzentrationslager geschlossen werden könnte.

Für seine Taten stand Sigmund Rascher allerdings nie vor Gericht, auch wenn immer wieder während des Nürnberger Ärzteprozesses auf ihn und seine Versuche Bezug genommen wurde. Einige seiner Mitarbeiter wie Siegfried Ruff, Georg August Weltz oder Hans-Wolfgang Romberg wurden zwar in Nürnberg angeklagt, aber freigesprochen. Sigmund Rascher fand sein Ende kurz vor Kriegsende im Konzentra­tions­lager Dachau. Dort war er wegen Betrugsdelikten sowie wegen des Ver­dachtes, gemeinsam mit seiner Frau den Mord an seiner Assistentin begangen zu haben, und wegen Kindes­ent­führungen inhaftiert. Drei Tage vor der Befreiung des Lagers wurde Rascher per Genickschuss von der SS getötet. Seine Frau wurde schon vorher im Kon­zentrationslager Ravensbrück gehenkt.

Auch wenn man nicht gesichert sagen kann, wie viele Häftlinge während der Polygal-Versuche ihr Leben verloren, kann Sigmund Rascher als einer der schlimmsten deutschen Massenmörder bezeichnet werden.

Die nationalsozialistische Ideologie machte natürlich auch vor der Medizin nicht halt. So nahmen rassistische und erbbiologische Aspekte schon bald nach der „Machtergreifung“ immer mehr Raum ein. Die Abkehr von der individuellen Medizin ging einher mit der Hinwendung zur Sorge um den „gesunden Volkskörper“. So wurden die Probanden der bestialischen Versuche als „Untermenschen“ gesehen, die eine Gefahr für eben jenen Volkskörper bildeten. Dies war auch eine Recht­fertigung für die KZ-Ärzte. Es waren ja keine für die Volksgemeinschaft „wert­vollen“ Menschen, sondern „nur“ Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle oder geistig Behinderte, deren Schmerzen, ja Überleben, uninteressant waren. Durch die pseudo-wissenschaftliche Rassen­lehre wurden die Ärzte in dieser Ansicht gestützt.

Die meisten der KZ-Ärzte wurden nie für ihre Taten zur Verantwortung gezogen, sie konnten weiter praktizieren, weiter forschen, weiter lehren. Nicht nur die Mitarbeiter Raschers arbeiteten unbehelligt weiter, sondern auch Ärzte wie Rudolf Kießwetter. Kießwetter hatte ebenfalls im Konzentrationslager Dachau Versuche an Häftlingen durchgeführt, um die Wirksamkeit von Schüßler-Salzen bei Wundbrand zu beweisen. Etwa 90 Häftlinge starben unter grausamsten Schmerzen, nachdem man sie mit Eiter infiziert und mit den wirkungslosen Schüßler-Salzen „behandelt“ hatte. Kießwetter praktizierte bis zu seinem Tod 1992 im sachsen-anhaltinischen Burg.

Sigmund Rascher und seine menschenverachtenden Experimente im Konzentrationslager Dachau stehen beispielhaft für die dunkle Seite der Wissenschaft, die zutage tritt, wenn sie sich von jeglicher Ethik und Mensch­lich­keit löst. Die systematische Missachtung des Lebens und der Würde der Opfer, die als „Untermenschen“ abgestempelt und zu bloßem „Versuchsmaterial“ degradiert wurden, zeigt, wie gefährlich eine Ideologie werden kann, die den Wert des Einzelnen negiert und das Kollektiv über alles stellt. Es ist erschütternd, dass viele der verantwortlichen Ärzte nach dem Krieg unbehelligt weiterarbeiten konnten, als wäre nichts geschehen. Dies mahnt uns, dass die Aufarbeitung solcher Verbrechen niemals abgeschlossen sein darf.

Gerade die Medizin und die Wis­sen­schaft tragen eine besondere Ver­antwortung, sich ihrer Geschichte bewusst zu sein und daraus Lehren zu ziehen. Die Vergangenheit zeigt, wie schnell Forscher zu Tätern werden können, wenn sie sich von gesellschaftlichen und politischen Zwängen leiten und ethische Grundsätze außer Acht lassen. Die kritische Reflexion über die Rolle der Wissenschaft im Nationalsozialismus ist daher nicht nur eine historische Pflicht, sondern auch eine Mahnung für die Gegenwart und Zukunft. Nur wenn wir uns immer wieder bewusst machen, wie leicht Humanität verloren gehen kann, können wir verhindern, dass sich solche Gräueltaten wiederholen. Die Erinnerung an die Opfer und die Verantwortung der Wissenschaft sind untrennbar miteinander verbunden – und sie verpflichten uns, wachsam zu bleiben und für Menschlichkeit und Ethik einzustehen.

Anmerkungen

1 Vgl. Internationaler Militärgerichtshof, IMG XXVII, Dok. 1602-PS, S. 381-383.
2 Vgl. Jantze, Matthias M.: Täter, Netzwerker, Forscher: Die Medizinverbrechen von Dr. med. Sigmund Rascher und sein personelles Umfeld. Dissertation, Universität Tübingen, 2020. S. 149-151.
3 Vgl. Dr. Sigmund Rascher Unterkühlungsversuche ns-archiv.de [letzter Zugriff: 20.1.2026].
4 Vgl. Transcript Medical Case [letzter Zugriff: 20.1.2026]. Das Originaldokument ist in englischer Sprache abgefasst, die Übersetzung wurde vom Autor angefertigt.