Im Zentrum des Falls standen experimentelle Arbeiten der Leipziger Pharmazie-Professoren Karen Nieber und Wolfgang Süß zur Wirkung homöopathischer Mittel. Untersucht wurde die Reaktion isolierten Rattendarmgewebes auf homöopathische, teils hochpotenzierte Belladonna-Verdünnungen. Die beschriebenen Effekte seien allerdings nur unter der Bedingung aufgetreten, dass die homöopathischen Prüflösungen „geschüttelt“ und nicht „gerührt“ worden waren. Diese jedenfalls in der Homöopathie bislang unbekannte Differenzierung deutet eher auf esoterisch angehauchte Rituale hin als auf validierbare Wirkmechanismen.
Veröffentlicht wurden die Ergebnisse nicht in einem renommierten peer-reviewten Fachjournal, sondern in der Mitgliederzeitschrift der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin e.V., einem alternativmedizinischen Lobby-Verein. Hat man ein strenges peer review gescheut? Gleichwohl erhielten Nieber und Süß den Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis des homöopathischen Herstellers Heel.
Eine begleitende Dissertation bestätigte die von Nieber und Süß vorgelegten Ergebnisse – eine Arbeit, die sich durchgängig einer undefinierten, esoterisch anmutenden Nomenklatur wie „geistartige Moleküle“, „Energie“, „Frequenzen“ und „Wellen“ bediente. Der Dissertationsausschuss der Universität sah offenbar keine Probleme. Nieber und Süß gehörten zu den Dissertationsgutachtern.
Am Rande: Die Dissertation behauptete, homöopathische Präparate würden innerhalb weniger Wochen ihre Wirkung verlieren – eine These, die, wäre sie valide, nicht nur die gesamte Produktions- und Lagerlogistik der Hersteller infrage stellen, sondern auch zahllose homöopathische „Behandlungserfolge“ der Vergangenheit als unspezifische Effekte entlarven würde – weil sie zum größten Teil mit „überlagerten“ Präparaten erzielt worden wären.
Aufgedeckt wurde der Fall erst durch externe Wissenschaftler der mathematischen Fakultät der TU Darmstadt. Ihre Kritik offenbarte eklatante Mängel des Forschungsprojekts: keine adäquaten Kontrollgruppen, unklare Auswertung, fehlende theoretische Einbettung. Die Universität Leipzig reagierte nur zögerlich mit der Einrichtung einer Untersuchungskommission – ein Versäumnis, das weit über diesen Einzelfall hinausweist. Denn die Verantwortung für wissenschaftliche Standards kann von einer Universität nicht an die Außenwelt delegiert werden. Immerhin war es auch die Uni Leipzig selbst gewesen, die in einer Pressemitteilung mit sichtlichem Stolz, aber ohne kritische Prüfung die sensationellen Ergebnisse von Nieber und Süß bekannt gemacht hatte.
Immerhin stellte die Kommission wissenschaftliches Fehlverhalten der Forscher fest und die verliehenen Preise wurden zurückgegeben – ob aus eigener Initiative oder auf Betreiben der Universität, ist nicht sicher bekannt.
Inhaltlich blieb die Forschung unverbunden mit dem therapeutischen Anspruch der Homöopathie: Wo soll eine kausale oder zumindest plausible Verbindung von Reaktionen auf homöopathische Präparate am isolierten Rattendarm zum Versprechen der Homöopathie bestehen, Krankheiten am Menschen schnell und dauerhaft heilen zu können? Es gibt sie nicht. Der Versuch war damit methodisch isoliert und epistemisch bedeutungslos. Der Anspruch an wissenschaftliche Erkenntnisse, sich widerspruchsfrei in das vorhandene System gesicherten Wissens einzufügen, wurde schlicht ignoriert.
Ist es noch notwendig zu erwähnen, dass eine von Nieber und Süß betriebene Replikation ihrer Versuche an der FU Berlin erfolglos geblieben war? Wobei diese Ergebnisse drei Jahre lang nicht veröffentlicht wurden.
De Nieber-Süß-Affäre ist kein Kuriosum, sondern ein mahnendes Beispiel. Sie zeigt, wie tief der Schaden reicht, wenn Universitäten ihre eigene epistemische Verantwortung vernachlässigen. Wissenschaftliche Redlichkeit ist kein Automatismus. Sie verlangt aktive Verteidigung gegen Beliebigkeit, Selbsttäuschung und ideologische Überformung – gerade innerhalb der Institutionen, die ihr verpflichtet sind.
Heute ist der Fall weitgehend in Vergessenheit geraten, viele Quellen existieren nicht mehr bzw. sind nicht mehr zugänglich. Umso mehr verdient er Erinnerung: als Warnung, dass Wissenschaft nur dort aus dem Schatten der Unredlichkeit tritt, wo sie sich selbst ernst nimmt.
