Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 4/25 | Geschrieben von Christoph Lammers

Zwischen Erkenntnis und Abgrund

Warum wir die Wissenschaft hinterfragen müssen, 
um sie zu retten

Wer sich heute als konfessionslos, als Atheist*in oder Agnostiker*in bezeichnet, tut dies (hoffentlich) aus einer tiefen Überzeugung heraus: Wir vertrauen nicht auf Offenbarungen, nicht auf heilige Schriften und nicht auf die unfehlbaren Urteile einer jenseitigen Instanz. Unser Kompass ist die Vernunft; unser Anker ist die Welt, wie sie sich uns durch Beobachtung und Experiment zeigt. Kurz gesagt: Wir verlassen uns auf die Wissenschaft.

Wissenschaft gilt noch immer vielen als Motor des Fortschritts, als verlässlichste Form, Wissen über die Welt zu gewinnen.1 Dennoch ist ihre Geschichte durchzogen von dunklen Kapiteln: von Menschenversuchen, Korruptions­skandalen, Datenfälschungen und fatalen Fehlentscheidungen mit weitreichenden Folgen für unzählige Menschenleben.

In der Geschichte der Wissenschaft gibt es jene Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis brennen: Kinder mit missgebildeten Gliedmaßen, Opfer eines Schlafmittels, das als harmlos galt; Versuchspersonen, deren Körper im Namen der „Forschung“ systematisch verstümmelt wurden; Eltern, die nach der Lektüre eines Artikels in einer renommierten Fachzeitschrift ihre Kinder nicht mehr impfen lassen – mit Folgen bis hin zu vermeidbaren Erkrankungs- und Todesfällen. Diese Bilder erinnern uns daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt nie nur eine Erfolgsstory ist, sondern auch eine Geschichte von Irrtümern, Verführungen, Korruption und ethischem Versagen.

In dieser Ausgabe widmen wir uns einem Teil dieser „Schattenseiten der Wissenschaft“. Nicht, um den Feinden der Aufklärung Munition zu liefern, sondern weil Aufklärung im besten Sinne bedeutet, den Mut zu haben, sich Fehler einzugestehen. Es bedeutet, die eigenen Werkzeuge kritisch zu prüfen. Nur wer die Fehler – mitunter auch Abgründe – kennt, kann verhindern, erneut in sie hineinzustürzen.

Lassen sie mich das Thema anhand von historischen wie aktuellen Beispielen kurz umreißen.

Wenn wir über die Schattenseiten der Wissenschaft sprechen, kommen wir an dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte nicht vorbei. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, die Gräueltaten des Nationalsozialismus seien das Werk einiger weniger „verrückter Ideolog*innen“ gewesen, die sich gegen die Wissenschaft verschworen hatten. Die historische Wahrheit ist schmerzhafter: Die Wissenschaft war eine willige Helferin.

Namhafte Mediziner*innen, Biolo­g*innen und Anthropolog*innen stellten ihr Wissen in den Dienst der Rassen­ideologie.2 Sie lieferten die „Daten“, um Ausgrenzung und millionenfachen Mord zu legitimieren. In den Konzentrations- und Vernichtungslagern wurden Men­schenversuche durchgeführt, die jede Vor­stellung von Ethik sprengten – oft von Wissen­schaft­lern, die nach dem Krieg in der Bundesrepublik oder der DDR bruchlos Karriere machten. Hier zeigte sich die Wissenschaft nicht als korrigierende Kraft, sondern als kalte Methodik ohne ethisches Rückgrat. Wenn die Frage nach dem „Wie“ das „Warum“ und das „Darf man das?“ vollständig verdrängt, wird Forschung zur Barbarei.

Einige Jahrzehnte später, in der jungen Bundesrepublik, erlebte der Fort­schrittsglaube einen weiteren, tiefen Riss. Der Contergan-Skandal der 1960er Jahre ist weit mehr als eine medizinische Tragödie; er ist ein Lehrstück über das Versagen von Kontrollmechanismen und die Verstrickung von Industrie und Forschungsorganisationen.

Das Schlafmittel Thalidomid wurde als „vollkommen harmlos“ vermarktet, während Warnsignale ignoriert und kritische Stimmen systematisch zum Schweigen gebracht wurden. Besonders beschämend war dabei die Rolle der Pharmaindustrie, aber auch die mangelnde Distanz der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und staatlicher Aufsichtsbehörden. Hier wurde deutlich, dass Wissenschaft nie isoliert agiert. Wenn Profitinteressen die Validität von Studien überlagern und wenn die „Freiheit der Forschung“ als Deckmantel für mangelnde Sorgfalt missbraucht wird, zahlen die Schwächsten der Gesellschaft den Preis. Der Contergan-Skandal hat uns gelehrt, dass wir Insti­tutionen misstrauen müssen, die sich einer externen, demokratischen und ethischen Kontrolle entziehen wollen.

Ein Sprung in die jüngste Vergangenheit zeigt uns, dass diese Mechanismen heute subtiler, aber nicht weniger gefährlich funktionieren. Elizabeth Holmes und ihr Unternehmen Theranos verkörperten das moderne Versprechen: Eine technologische Revolution, die mit nur einem Tropfen Blut aus der Fingerkuppe hunderte Diagnosen stellen sollte. Holmes wurde als die „weibliche Steve Jobs“ gefeiert, schmückte die Titelblätter der großen Magazine und versammelte eine Riege aus Politiker*inen und Investor*innen um sich.

Doch hinter der glänzenden Fassade verbarg sich ein gigantischer Betrug. Die Technologie funktionierte nie. Ergebnisse wurden gefälscht, Proben heimlich auf Geräten der Konkurrenz analysiert und Patienten mit falschen Diagnosen – von HIV bis Krebs – in Todesangst versetzt. Was diesen Fall so bedeutsam für unser Schwerpunktthema macht, ist das kollektive Versagen: Hochkarätige Wissenschaftler*innen im Beirat und Investoren ließen sich von einem charismatischen Narrativ blenden. Man wollte an das Wunder glauben. Der Fall Theranos zeigt, dass Wissenschaft im 21. Jahrhundert oft zu einer Art „PR-Religion“ verkommt, bei der das Marketing das Labor schlägt. Es ist die ultimative Warnung vor der Hybris, zu glauben, man könne die mühsame wissenschaftliche Validierung durch „disruptiven“ Unternehmergeist ersetzen.

Kaum ein Beispiel ist jedoch so drastisch wie der Fall Andrew Wakefield. 1998 veröffentlichte der britische Mediziner im renommierten Fachmagazin The Lancet eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) und Autismus suggerierte. Heute wissen wir: Die Studie war eine bewusste Fälschung. Wakefield hatte Daten manipuliert und verfolgte eigene finanzielle Interessen. Doch der Geist war aus der Flasche. Die Folgen dieser gefälschten Publikation spüren wir bis heute in Form von sinkenden Impfquoten und einer tiefen Skepsis gegenüber der evidenzbasierten Medizin. Wakefield lieferte die Blaupause für moderne Verschwörungsmythen.

Doch hier, in der Tiefe des Skandals, liegt auch der Wendepunkt unserer Betrachtung. Es dauerte Jahre, ja, viel zu lange, aber das System hat reagiert. 2010 zog The Lancet die Studie offiziell zurück. Journalistische Recherchen und wissenschaftliche Replikations­versuche hatten das Lügengebäude zum Einsturz gebracht. Es war eine schmerzhafte Selbstkorrektur, aber sie bewies: Die Wissenschaft besitzt die Werkzeuge, um ihre eigenen Betrüger zu entlarven.

Was jedoch passiert, wenn wissenschaftliche Fälschungen nicht mehr nur in den Nischen des Internets überleben, sondern zur Grundlage staatlichen Handelns werden? Wir erleben heute in den Vereinigten Staaten eine Entwicklung, die uns als Verfechter*innen der Aufklärung zutiefst beunruhigen muss. Robert F. Kennedy Jr., der neue US-Gesund­heitsminister, hat seine politische Identität über Jahrzehnte hinweg auf genau jenen Mythen aufgebaut, die Andrew Wakefield einst in die Welt setzte.

Kennedy ist kein bloßer Skeptiker; er ist ein Akteur, der die Grenzen zwischen validem wissenschaftlichem Zweifel und gefährlicher Desinformation verwischt. Unter seiner Ägide im Gesund­heitsministerium sehen wir zunehmend eine Institutionalisierung des Misstrauens. Die Ernennung von Ex­pert*innen in Schlüsselpositionen, die wissenschaftlich widerlegte Theorien zu Impfnebenwirkungen – insbesondere dem angeblichen Zusammenhang zwischen Autismus und dem Konser­vierungsmittel Thimerosal – erneut untersuchen lassen, ist ein Angriff auf den Kern evidenzbasierter Politik.

Besonders drastisch zeigt sich dies in Kennedys Entscheidung, die Gelder für die internationale Impfallianz Gavi einzufrieren, solange diese nicht auf die Verwendung von thimerosalhaltigen Impfstoffen verzichtet. Dass dieser Inhaltsstoff in über zwei Jahrzehnten Forschung als sicher eingestuft wurde und seine Verbannung vor allem die Versorgung in ärmeren Ländern gefährdet, scheint in einer Ideologie, die Fakten durch Überzeugungen ersetzt, zweitrangig zu sein. Wenn staatliche Behörden wie die CDC plötzlich „unvoreingenommene Forschung“ anmahnen, um längst geklärte Fragen neu aufzurollen, dann ist das keine Rückkehr zur wissenschaftlichen Sorgfalt. Es ist die Untergrabung der wissenschaftlichen Autorität durch politische Macht.

Dies führt uns zu einer zentralen Erkenntnis, die für uns Konfessionslose von entscheidender Bedeutung ist: Die Wissenschaft ist die einzige Institution des menschlichen Denkens, die einen Fehlerkorrekturmechanismus fest eingebaut hat.

Religiöse Dogmen sind per Definition unantastbar. Wer sie hinterfragt, gilt als Ketzer. Die Wissenschaft hingegen lebt vom Zweifel. Die Rücknahme der Wakefield-Studie war kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Triumph der wissenschaftlichen Methode über den einzelnen, korrupten Wissenschaftler. Es ist genau dieser Prozess – das Peer-Review, die Replikation, die offene Debatte –, der die Wissenschaft trotz aller Skandale zu unserem wertvollsten Werkzeug macht. Diese Stärke ließe sich auch an zahlreichen Beispielen aus den Jahren der Corona-Pandemie exemplifizieren.

Wir dürfen die Wissenschaft nicht deshalb verteidigen, weil sie immer „recht“ hat. Das hat sie oft genug nicht. Wir müssen sie verteidigen, weil sie bereit ist, zuzugeben, wenn sie sich geirrt hat. In einer Welt, die zunehmend von populistischen Wahrheiten und emotionalen Narrativen geprägt ist, bleibt die wissenschaftliche Redlichkeit – so mühsam sie auch sein mag – unser einziger Schutz vor kollektiver Verblendung und autoritären Entwicklungen.

Heißt das, wir können uns nun entspannt zurücklehnen? Im Gegenteil. Die Schattenseiten, die wir in diesem Heft beschreiben, sind keine Betriebsunfälle der Geschichte. Sie sind strukturelle Risiken. In einer Zeit, in der Forschung immer teurer wird, wächst die Ab­hängigkeit von privaten Geldgeber*innen. In einer Welt, in der „Publish or Perish“ (Publiziere oder geh unter) das Credo an den Universitäten ist, steigt die Versuchung, Ergebnisse zu schönen oder vorschnell an die Öffentlichkeit zu gehen. Als Atheist*innen und Hu­manist*innen sollten wir die Wissen­schaft als das sehen, was sie ist: ein zutiefst aufklärerisches Projekt.

Wissenschaft braucht Ethik. Sie braucht den gesellschaftlichen Diskurs. Und sie braucht Menschen, die bereit sind, unbequeme Fragen zu stellen – auch wenn die Antworten unser Weltbild erschüttern könnten.

In dieser Ausgabe laden wir Sie ein, mit uns in einige wenige dunklen Ecken der Geschichte zu blicken. Die Geschichte der Wissenschaft ist eine Geschichte des Fortschritts, ja. Aber es ist auch eine Geschichte der Opfer. Nur wenn wir diese Opfer benennen und die Mechanismen des Versagens verstehen, können wir eine Wissenschaft formen, die zum Nutzen aller gereicht.

Lassen Sie uns die Wissenschaft fordern. Lassen Sie uns leidenschaftlich für sie streiten, sie kritisieren und sie verbessern. Denn am Ende ist sie nicht die Quelle der Wahrheit, sondern der beste Weg, den wir haben, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Bleiben wir kritisch. In diesem Sinne, Geschichte wird gemacht!

Anmerkungen

1 Die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete vor kurzem, dass die aktuellen Werte des Wissenschaftsbarometers hohe Vertrauenswerte für die Wissenschaft in Österreich zeigen. Vgl. Traxler, Tanja: Österreicher vertrauen der Wissenschaft – aber nicht allen Disziplinen [letzter Zugriff: 10.1.2026].
2 In der Öffentlichkeit sind in erster Linie Täter (Männer) bekannt, die als so genannte Forscher dem Nationalsozialismus dienten. Es gab aber auch Frauen, die in ihrer Funktion als Wissenschaftlerinnen im Nationalsozialismus eine herausragende Rolle spielten. Als Bei­spiele seien Herta Oberheuser (Ärztin im Konzentrationslager Ravensbrück) und Ruth Kellermann (Rassenforscherin) genannt.