Staat und Kirche | Veröffentlicht in MIZ 4/25 | Geschrieben von Robert McDonald und Gunnar Schedel

Trennung von Staat und Kirche oder 
die Verteidigung einseitiger Privilegien?

Anmerkungen zur Debatte um den Amtseid von Zohran Mamdani

Der neue Bürgermeister von New York hat seinen Amtseid auf den Koran abgelegt. Die christliche Rechte schäumte. Ein Artikel aus dem Newsletter des Friendly Atheist macht klar, dass es in der Debatte nicht um die Verteidigung der in der Verfassung festgelegten Trennung von Staat und Kirche geht, sondern um die Beibehaltung traditioneller christlicher Privilegien. Denn der formale Rahmen solcher Amtseide ist viel weiter als angenommen. (MIZ-Redaktion)

Als Zohran Mamdani am Neujahrstag kurz nach Mitternacht seinen Amtseid ablegte, um Bürgermeister von New York City zu werden, wurde er mit der Hand auf dem Koran vereidigt. Genauer gesagt waren es zwei, ein weiterer sollte am Nachmittag bei der Zeremonie verwendet werden. Und jedes Mal werden christliche Eiferer wütend, die fälschlicherweise glauben, Mamdani werde seine religiösen Überzeugungen der Stadt aufzwingen – ein verfassungswidriger Akt, von dem sie meinen, dass er nur ihnen vorbehalten ist.

Zohran Mamdanis Koran-Eid war mit Blick auf die amerikanische Ver­fassung vollkommen legal. Nur können das christliche Nationalisten nicht verkraften. Die Gegenreaktion auf Mamdanis Vereidigungszeremonie hat nichts mit der Trennung von Staat und Kirche zu tun, es geht ausschließlich um religiöse Privilegien.

Wie die Associated Press berichtete, haben die verwendeten heiligen Bücher für Mamdani eine Bedeutung – aber nicht unbedingt aus religiösen Gründen: Mamdani legt während der U-Bahn-Zeremonie seine Hand auf zwei Korane: den Koran seines Großvaters, und eine Taschenversion aus dem späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert. Es ist Teil der Sammlung des Schomburg Center for Research in Black Culture der New York Public Library. Dieses Koranexemplar symbolisiert die Vielfalt und Reichweite der Muslime der Stadt, sagte Hiba Abid, Kurator für Nahost- und Islamstudien der Bibliothek. „Es ist ein kleiner Koran, aber er vereint Elemente von Glauben und Identität aus der Geschichte von New York City“, so Abid weiter. Bei einer anschließenden Vereidigungszeremonie im Rathaus am ersten Tag des Jahres hat Mamdani sowohl den Koran seines Großvaters als auch den seiner Großmutter verwendet.

Das klingt sowohl persönlich als auch politisch – auf diese Weise gelingt es dem ersten muslimischen Bür-
germeister von New York, Bezug zu nehmen auf seine eigene, unwahrscheinliche Reise und gleichzeitig einer vernachlässigten Gemeinschaft in der Stadt, die er nun führen wird, Tribut zu zollen. In der Vergangenheit, als die Regierung von Profis statt von rechtsgerichteten Parteisoldaten geführt wurde, konnten wir erleben, wie zwei verschiedene NASA-Administratoren auf Exemplare von Carl Sagans Pale Blue Dot und Contact vereidigt wurden. Im Jahr 2023, als der neue Kongress in jenem Jahr vereidigt wurde, legte der Abgeordnete Robert Garcia seinen Eid auf einige bedeutende Objekte ab, darunter ein Exemplar von Superman #1, das er als Leihgabe der Library of Congress verwenden konnte. Andere Politiker haben ein Buch des us-amerikanischen Kinderbuch-Autors Dr. Seuss, Gesetzbücher oder hebräische Bibeln verwendet. Und 2019, als die Abgeordneten Ilhan Omar und Rashida Tlaib die ersten beiden muslimischen Frauen im Kongress wurden, legten beide ihren Eid ebenfalls auf den Koran ab. (Das erzürnte die Verschwörungstheoretikerin Marjorie Taylor Greene so sehr, dass sie verlangte, die beiden müssten den Eid nochmal und zwar auf die Bibel abzulegen.) Es gibt kein Gesetz, das dazu verpflichtet, die Bibel bei einem Eid zu benutzen. Und wenn man schon ein Fantasy-Buch nehmen möchte, gibt es weitaus bessere Alternativen.

Nachdem Mamdanis Pläne bekannt wurden, stürzten sich konservative Eiferer sofort auf die Geschichte und erklärten, dies sei irgendwie unamerikanisch und blasphemisch. Senator Tommy Tuberville, der für das Amt des Gouverneurs von Alabama kandidiert, teilte einen Screenshot, auf dem, sinngemäß übersetzt, zu lesen war: „Der Feind befindet sich bereits in der Stadt.“

Andere bigotte Rechte schlossen sich an, wobei einige sogar den 11. September heranzogen. Einer sprach davon, wie „eine vom Dschihad-Terror gezeichnete Stadt ihren Bürgermeister mit einem Eid auf den Koran einsetzt“. Ein anderer bezeichnete die Vereidigung auf den Koran als „schockierenden Anblick angesichts der Bedeutung des islamistischen Terrorismus für die Geschichte New Yorks“.

Es versteht sich von selbst, dass das, was Mamdani getan hat, weder illegal noch ungewöhnlich ist. Aber konservative Extremisten haben keine Ahnung davon, wie die Verfassung funktioniert, und ihnen ist nicht bewusst, wie viele Amtsträger bereits seit vielen Jahren die Tradition, den Eid auf die Bibel abzulegen, aushöhlen.

Letztlich besteht keine Bedrohung durch einen muslimischen Bürger­meister, der einen Eid auf den Koran ablegt. Die Verfassung verlangt, dass Beamte versprechen, das Gesetz und nicht die Vorschriften eines heiligen Buches einzuhalten. Und das Beharren darauf, dass diese Beamten diesen Satz sagen, während sie die Hand auf die Bibel legen, beruht nur auf Tradition. Es gibt sicherlich keinen Grund, diese Tradition aufrechtzuerhalten, wenn man in einem vielfältigeren Land lebt, in dem Menschen ohne religiöse Zugehörigkeit mittlerweile die größte „religiöse“ Gruppe sind.

Aus dem Newsletter von Friendly Atheist übersetzt und bearbeitet von Robert MacDonald und Gunnar Schedel.