1. Einführung — Sakrale Baudenkmale in Not
Es ist bei einem durchschnittlichen Nach- richtenkonsum nicht mehr zu vermeiden: die Konfrontation mit immer neuen Meldungen über die schwindende Funktion und zunehmend schwierige Erhaltungssituation von Kirchengebäuden.1 Die fortschreitende Säkularisierung von Teilen der globalen, damit auch deutschen Gesellschaft und der sich daraus ergebende galoppierende Bedeutungsverlust der christlichen Kirchen als Organisation führen zu dieser prekären Situation.
Immer mehr Kirchen werden verkauft, anderen Nutzungen zugeführt oder verfallen mangels Möglichkeiten der Unterhaltung in einen ruinösen Zustand, der in so manchen Fällen die Vorstufe eines endgültigen Verschwindens darstellen dürfte (Abb. 1). Der in den vergangenen Jahrhunderten für religiöse Zwecke errichtete umfangreiche Gebäudebestand in Deutschland entwickelt sich rasant von einer Stolz erweckenden, einstmals rege genutzten Architektur immer mehr in eine kaum noch tragbare Last für immer weniger Gläubige und Kirchenmitarbeiter.
Diese bedrohliche Situation für die Kirchen als Organisation und ihre Immobilien wird seit einiger Zeit nicht nur kirchlicherseits zwangsläufig akzeptiert und in den Blick genommen. Auch für die föderal organisierte staatliche Baudenkmalpflege ist das eine gewaltige Herausforderung und zukünftige Bürde, denn fast alle Kirchengebäude sind aufgrund ihres Alters, ihrer Besonderheit, ihrer lokalen Bedeutung und ihres Interieurs Baudenkmale. Da Sachsen-Anhalt bundesweit mit den wenigsten Gläubigen pro Kirchengebäude hier besonders herausgefordert ist bzw. von der aktuellen Entwicklung besonders hart getroffen wird, mag es angemessen erscheinen, den gegenwärtigen Stand des Phänomen auch aus dem Blickwinkel dieses Bundeslandes vorzustellen. Doch wie konnte es überhaupt zu dieser Situation kommen?
2. Zur Lage der christlichen Kirchen in Deutschland
Seit 1972 führt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) einmal pro Dekade die sog. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) durch, welche zu einem zunehmend schonungslosen Blick auf sich selbst geriet. Von KMU zu KMU (aktuell: 6. KMU, Ende 2022) wurde der Fokus der Betrachtung geschärft und erweitert – ab 1992 gesamtdeutsch und mit Blick auf Konfessionslose, ab 2022 inkl. der kath. Kirche. Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse liefert die EKD nicht nur regelmäßig die Grundlage für eine angestrebte Selbstoptimierung, sondern auch Datenmaterial für den Blick von außen, was da vor sich geht mit der Kirche und ihrem Platz in der Gesellschaft.
Die Mitgliederzahl der beiden christlichen Großkirchen und der Vertrauensindex von Christen wie Nichtchristen zu ihnen kennen seit Jahrzehnten, auch schon vor 1990 in der alten Bundesrepublik, im Wesentlichen nur eine Richtung: nach unten (Abb. 2). Ende 2025 waren noch 23 % der deutschen Bevölkerung katholisch, 21 % evangelisch, 8 % gehörten anderen Religionen an, 48 % waren konfessionslos. Schon 2024 war der Anteil konfessionsfreier Menschen in Deutschland erstmals größer als der beider christlicher Kirchen zusammen.2 Die geringste Bestandserhaltung hinsichtlich der Religionszugehörigkeit zeigt sich bei der evangelischen Kirche – davon fühlen sich nur noch 8 % (!) ihrer Kirche sehr verbunden, in Ostdeutschland immerhin 14 %. Fast zwei Drittel fühlen sich ihrer Kirche kaum noch oder überhaupt nicht mehr verbunden, bei fast einem Drittel hat das Zugehörigkeitsgefühl gegenüber früher nachgelassen, bei den Katholiken sogar bei fast zwei Dritteln.3
Bei dieser Entwicklung kann man für Deutschland gegebenenfalls noch eine Vorreiter-, aber längst keine Einzelkämpferrolle mehr erkennen, wenn inzwischen selbst katholische Bastionen wie Polen wanken.4 Nach aktuellen Umfragen bezeichnen sich zwar weiterhin zwei Drittel der Polinnen und Polen als katholisch, der Anteil derer aber, welche die Religion praktizieren, sank auf weniger als die Hälfte, bei Jüngeren sogar auf ein Viertel. Säkularisierung findet nicht nur in Deutschland und anderen europäischen Ländern, sondern auch in den USA, im Prinzip weitgehend global statt.
2.1 Eine Lawine rollt — Säkularisierungsdynamik im 21. Jahrhundert
In Verbindung mit anderen säkularisierenden Faktoren (s. u.) wirkt seit Jahrzehnten eine demografische Dynamik: Kirchlich-religiöse Menschen in Deutschland (13 % gesamt; 14 % West, 9 % Ost; im Sinne von altem Bundesgebiet vor 1990 und ehemaliger DDR) haben das höchste Durchschnittsalter aller nach religiöser Orientierung unterschiedenen Gruppen. Die Säkularen als größte und wachsende Gruppe (56 % gesamt; 53 % West, 73 % Ost) besitzen ein niedriges Durchschnittsalter. Die KMU-Statistik unterscheidet hier nach Geisteshaltung „Kirchlich-Religiöse“, „Religiös Distanzierte“, „Alternative“ und „Säkulare“, was jedoch nur bedingt etwas über eine Kirchenmitgliedschaft aussagt. Geringe Prozentsätze der „Kirchlich-Religiösen“ und „Religiös Distanzierten“ sind konfessionslos, während z. B. die „Säkularen“ zur knappen Hälfte (noch) einer Konfession angehören.5
Dass zunehmende Säkularisierung und Mitgliederverlust im 21. Jahrhundert durch die zuerst in der katholischen Kirche bekannt gewordene Missbrauchskultur und den desaströsen Umgang damit noch zusätzlich eine vorher nicht für möglich gehaltene Steigerung und Dynamik erfahren sollte, addiert sich zu ihrer jahrzehntelangen, in gleicher Richtung zielenden Vorgeschichte. Die Entwicklung, die besonders im Falle der katholischen Kirche seit Jahren einem öffentlich vorgetragenen Selbstmord gleicht, ist inzwischen so drastisch, dass sich Schlagzeilen wie „Wer braucht noch diese Kirche?“, „Sollte die Kirche abgeschafft werden?“ oder „Vom Exodus zum Exitus“6 in großen Zeitungen und öffentlich-rechtlichen Medien zunehmend normal anfühlen.
Eine Prognose der EKD von 2017 ging noch von einer Halbierung der christlichen Kirchenmitglieder bis 2060 aus. Im Osten bedeutet dies einen Rückgang von 2,4 Millionen evangelischen Christen auf eine Million.7 Die kirchliche Erosion beschleunigende Faktoren wie Missbrauchsskandale, ungeahnt starker Reformdruck der Mitgliederbasis oder die zunehmende Unduldsamkeit gegenüber manchen Facetten kirchlichen Gebarens in der Gesellschaft haben dies jedoch noch einmal drastisch beschleunigt. Dabei machten sich bereits ab 2013 die jährlichen Austrittszahlen auf zu immer neuen Höhen – zunächst auf das Niveau der Jahre unmittelbar nach der Wiedervereinigung, um schließlich ab 2021 alle vorherigen Rekorde zu brechen. Auch 2025 waren es wieder über 650.000, die beiden Großkirchen den Rücken kehrten.
Die aktuelle 6. KMU prognostiziert, dass bis 2030 mit dem Austritt von ca. 3,2 Millionen evangelischen Kirchenmitgliedern zu rechnen ist. Zusammen mit der demografischen Entwicklung und der sinkenden Taufquote ergibt sich eine Halbierung der Mitgliederzahl bereits bis zu den 2040er Jahren – statt erst 2060. Bei den Katholiken geht es noch schneller – auch das katholische Reformprojekt „Synodaler Weg“ seit 2019/20 hat diesen Trend nicht gestoppt oder gemildert. Die Geschwindigkeit, mit der erst wenige Jahre alte Prognosen überholt werden, verdeutlicht die Dramatik der Entwicklung: „Die größte organisatorische Herausforderung der Kirchen in den nächsten 20 Jahren besteht schlicht darin, mit Anstand zu schrumpfen.“8
Wie kommen die Kirchen als Organisationen mit dieser Entwicklung zurecht? Die damalige Ratsvorsitzende der EKD Annette Kurschus äußerte sich zur Vorstellung der 6. KMU so: „Dabei bin ich gewiss: Die Kirche erleidet den notwendigen Wandel nicht, sie gestaltet ihn – inspiriert, aktiv und kreativ.“9 Dass dieser defensive Satz überhaupt ausgesprochen werden muss, sagt mehr als die konkrete Formulierung, die an ein schlittenfahrendes Kind in Schussfahrt auf vereistem Berghang erinnert, welches ruft, es gestalte seine Abfahrt. Übrigens musste Kurschus nach nur zwei Jahren im November 2023 ihr Amt wegen fehlender Kommunikation hinsichtlich früherer ihr bekannter Missbrauchsfälle niederlegen.
Auffällig ist auch die Formulierung im „Ausblick“ der 6. KMU: „Es gilt, kirchliche Organisationen so zu verändern, dass sie bestmöglich ihrem Ziel dienen können, das Evangelium unter den Menschen in Bewegung zu halten [Hervorhebung durch den Verf.]“.10 Abgesehen davon, dass das ein wenig danach klingt, hier ständig etwas umzurühren, damit es sich nicht absetzt oder ausflockt, wird die bisher übliche Formulierung, „das Evangelium zu verbreiten“, wohl inzwischen selbst innerkirchlich als zu gewagt betrachtet.
Es ist insgesamt wie beim Klimawandel: „Die Kirche scheint jetzt an einem Kipppunkt angelangt zu sein, der schon in den nächsten Jahren in erhebliche Instabilitäten und disruptive Abbrüche hineinführen kann.“ Die noch verbliebenen Zahlen der Kirchenmitglieder dürfen auch vor dem Hintergrund, dass ein großer Teil davon seinen Ausstieg für die nächste Zeit ins Auge gefasst hat, als zu geschönt betrachtet werden. Insgesamt schließen zwei Drittel der evangelischen und drei Viertel der katholischen Kirchenmitglieder einen Austritt nicht mehr aus – was eine alarmierende Zuspitzung bedeutet.11
Natürlich organisieren sich die christlichen Kirchen schon durch ihr Regelwerk einen großen Teil ihrer Austrittszahlen selbst: Wer Kindstaufen durchführt, also die qua dogma legitimierte Übernahme unmündiger Menschen in eine Religionsgemeinschaft, darf sich nicht wundern, wenn ein erheblicher Teil dieser unfreiwilligen Mitglieder dies nach Erreichen der Mündigkeit auf den Prüfstand stellt und im freieren geistigen Klima der Moderne, bei der es – zumindest in Mitteldeutschland – kaum noch sozialen Druck zum Verharren in der Kirche geben dürfte, zu einer gegenteiligen Einschätzung kommt. Ironische Fußnote, dass dem meist ungefragten „Eintritt“ ein kostenpflichtiger Austritt gegenübersteht – in Sachsen-Anhalt derzeit 30 Euro.12
2.2 Christsein ohne Gottesdienst
Damit nicht genug – auch innerhalb der verbliebenen Kirchenmitglieder gibt es eine starke Ausdünnung, was christliche Überzeugungen und die Konsequenz religiöser Alltagspraxis betrifft (Abb. 3). Nur noch 9 % der Bevölkerung nehmen an religiösen Großveranstaltungen teil. Nur noch 40 % der aktuellen deutschen Bevölkerung haben kirchlich geheiratet oder beabsichtigen das. Auch der Wunsch nach kirchlichen Bestattungen nimmt ab – sogar bei evangelischen Kirchenmitgliedern in der Lebensmitte wollen das nur noch 65 %.13 Natürlich wirken sich auch diese ausbleibenden Taufen, Trauungen und Bestattungen auf die Nutzungsintensität von Kirchen aus.
Selbst der Stellenwert von Gottesdiensten ist extrem gesunken: Noch 2002 (4. KMU) war er für 53 % der ostdeutschen Protestanten wichtig, 2022 nur noch für 19 %. Paradox scheint, dass der Kirchgang eher von Menschen, die der Kirche fernstehen, als notwendig für gelebtes Christsein gehalten wird, als dies evangelische oder katholische Kirchenmitglieder selbst für wichtig halten. Nach einer Erholung von den Corona-Schwierigkeiten bleiben die Gottesdienstbesuche trotzdem deutlich unter Vorpandemie-Niveau – nur noch 24 % der Gesamtbevölkerung nahmen Stand 2024 mehrmals jährlich an Gottesdiensten teil (2010 knapp 40 %); nur 3 % der Protestanten gehen wöchentlich zur Kirche.14
Typisch für die evangelische Kirchen ist als Erbe einer konfessionellen und territorialen Zersplitterung (gegenüber der stark zentralisierten katholischen) zudem eine komplizierte Organisationsstruktur mit unterschiedlichen Zusammenschlüssen und demzufolge ein Übermaß an Personalbedarf und einer Bürokratie, der ein „erhebliches Beharrungsvermögen“ attestiert werden kann.15
Zu einem Gottesdienst gehört natürlich Gesang. 2020 startete eine groß angelegte Überarbeitung des evangelischen Gesangbuchs, die bis 2028 abgeschlossen sein soll. Der Rat der EKD tut dies in Zusammenarbeit mit allen evangelischen Landeskirchen, mit einer Steuerungsgruppe, einer Gesangbuchkommission und dem Aufruf zu breiter öffentlicher Beteiligung – also mit insgesamt hohem Aufwand.16 Die EKD möchte dabei modern auftreten und präsentiert auf ihrer Website u. a. das Foto einer schönen jungen Frau in der Badewanne, die im Stil von Amy Winehouse fröhlich (natürlich ein Kirchenlied) vor sich hinträllert (Abb. 4). Ist das auch nur ansatzweise realitätsnah? Wie weit werden die jetzt schon extrem niedrigen Zahlen der Gottesdienstbesucher mit ihrem hohen Durchschnittsalter allein in diesen acht Jahren noch sinken und kann ein neues Gesangbuch mit der dafür in Anspruch genommenen Personal- und Mittelbindung daran irgendetwas ändern? Wer wird daraus in den zunehmend maroden Kirchengebäuden singen?
2.3 Rufschädigung in Eigenregie
Dass die starke öffentliche Fokussierung auf den skandalbegleiteten Absturz der katholischen Kirche im evangelisch-reformierten Stammland Sachsen-Anhalt nicht zu falscher Erleichterung führen sollte, zeigt die Offenlegung ähnlicher Missbrauchsverhältnisse in der evangelischen Kirche im Januar 2024. Es wird schmerzlich sichtbar, dass dieses Thema an der EKD nicht etwa vorübergehen würde, sondern die Aufklärung im Vergleich zu den Katholiken nur zeitverzögert erfolgt. „Derselbe Sumpf, noch mehr Nebel. Die evangelische Kirche hat sich in Sachen Missbrauch jahrelang hinter der katholischen Kirche versteckt. Die nun veröffentlichte Studie zu dem Thema wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Was für ein Desaster.“17 Es gibt eben auch „evangelische Dunkelräume“, die spätestens seit 2018 begonnen worden sind auszuleuchten, und es zeigt sich die gleiche „Verantwortungsverweigerung“ wie auf katholischer Seite. Eine auf Aufarbeitung konzentrierte Vereinbarung fehlt bei der EKD sehr lang.18
Die Ergebnisse einer von der EKD beauftragten – jedoch von ihr unabhängig entstandenen – und 2024 veröffentlichten Missbrauchs-Studie19 unter Mitarbeit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sind verheerend: Es wirkten bei dem jahrzehntelangen Tatgeschehen nicht nur der katholischen Kirche vergleichbare Faktoren (die institutionelle Abwertung und Delegitimation Betroffener und ihrer Angehörigen, die konfessionelle Selbstüberhöhung mit Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das Brechen sozialer, emotionaler und spiritueller Versprechen, die institutionelle Verschleierung, Verdacht auf Aktenmanipulation oder -vernichtung), sondern zusätzlich auch spezifisch evangelische (eine historisch verspätete Auseinandersetzung, die Externalisierung von Gründen und Verantwortung, in Bezug auf Täter ein Automatismus von Schuld und Vergebung unter Umgehung von Reue, der häufige Tatort „Pfarrhaus“ als problematische Schnittstelle zwischen Institution und Privatem, bisher kaum Archivierung von Fällen sexuellen Missbrauchs, die schwer zu durchschauende und Untersuchungen hemmende föderale Struktur der evangelischen Kirchen in Deutschland u.a.m.). Zudem kann die Untersuchung der EKD auf eine weit schlechtere Datenlage zurückgreifen als bei der katholischen Kirche, so dass die greifbaren Fälle nur „‘die Spitze der Spitze‘ des Eisbergs“20 sein dürften. Der moralische evangelische Zeigefinger Richtung katholischer Kirche, deren Zölibat und antiquierte Sexualmoral, der in den letzten Jahren so oft zu bemerken war, war also nicht nur höchst unangebracht, sondern hat überdies zu einer gefährlichen Zuspitzung des Problems für die EKD geführt. Wie sich all dies in Zukunft auf die sowieso schon schwindenden Mitgliederzahlen auswirken wird, ist anhand des katholischen Beispiels relativ leicht vorherzusagen.
Aber es geht nicht nur um sexuelle Gewalt durch Pfarrer oder Diakone. Bereits 2011 hatten sich EKD und das Diakonische Werk für bekannt gewordene Missbrauchsumstände in Kinderheimen unter evangelischer Trägerschaft in Ost-
und Westdeutschland öffentlich entschuldigen müssen, in denen mehr als 900.000 Kinder bis in die 1980er Jahre hinein Ausbeutung durch unterbezahlte Arbeit, sexuellem Missbrauch, Gewalt und Schikanen ausgesetzt gewesen waren.21 Auch damit wirbt man keine Kirchenmitglieder.
Die öffentliche Diskussion um die antiquierte Sonderstellung des teilweise schikanösen kirchlichen Arbeitsrechts brachte ebenso viele im krassen Gegensatz zum ethischen Anspruch der Kirchen stehenden Schattenseiten der Arbeit im nach 1945 massiv ausgebauten kirchlichen Sozialsektor, auf den die Kirchen gern als wichtigen Baustein ihrer Existenzberechtigung verweisen, zutage: Streikverbot, Lohndumping, Leiharbeit.22 Auch dies hat aus gesamtgesellschaftlichem Blickwinkel nicht zur Glaubwürdigkeit der Kirchen als selbsternanntes moralisches Bollwerk beigetragen.
2.4 Die (Un-)Geduld der Gesellschaft mit den Kirchen
Der Institution und dem Bauwerk Kirche droht jedoch nicht nur von innen, sondern auch von außen Ungemach. Abgesehen von Missbrauchsdramatik und zunehmend vager religiöser Überzeugung vieler Kirchenmitglieder schwindet in der wachsenden nichtchristlichen Bevölkerung die Bereitschaft, Unkosten und andere Begleiterscheinungen von ins Öffentliche transportierter privater Religionsausübung mittragen zu müssen. Dies äußert sich z. B. in der zunehmenden Kritik an der Förderung von Kirchentagen mit öffentlichen Geldern oder generell staatlichen Finanzleistungen an Religionsgemeinschaften. Das teilweise symbiotische Verhältnis von deutschem Staat und den Kirchen vor allem im Sozialsektor, bei Kirchensteuer, Theologiestudium und Religionsunterricht wird immer weniger als Selbstverständlichkeit hingenommen.
Auch die regelmäßige Beschallung mit Kirchenglocken stimmt nach Meinung von mehr und mehr Menschen nicht mit heutigen Vorstellungen von Rücksichtnahme und Lärmminimierung überein. Wenn aktive Kirchen mitten in Wohngebieten stehen und in alter Tradition auch nachts die Viertelstunden schlagen sowie am Wochenende frühmorgens mit Dauerläuten das komplette Umfeld aufwecken, obwohl dann nur eine Handvoll Menschen den Gottesdienst besucht, wirft das Fragen auf. Der Beziehungsstatus zwischen Kirchenglocken und Anwohnern ist tatsächlich kompliziert: „Die von Kirchenglocken ausgehenden und auf die Umgebung einwirkenden Schallimmissionen sind zunächst in das sakrale Geläut [religiöse Anlässe, d. A.] und das weltliche, nicht-sakrale Geläut [Stundenläuten, d. A.] zu unterscheiden. […] Die aktuelle Rechtsprechung lässt dem sakralen Glockengeläut eine Privilegierung zukommen. Dies bedeutet, dass Glockengeläut, welches aus den oben angegebenen kirchlichen Gründen erfolgt, von den Anwohnern hingenommen werden muss. Handelt es sich hingegen um weltliche Ursachen, unterliegt das Läuten den immissionsschutzrechtlichen Bestimmungen basierend auf dem Bundesimmissionsschutzgesetz […] Der Anteil von religiösen Menschen an der Gesamtbevölkerung ist für die immissionsschutzrechtliche Beurteilung nicht entscheidungserheblich.“23
2.5 Mitarbeitermangel
Neben all den anderen Problemen ist auch der ausbleibende seelsorgerische Nachwuchs ein drastisches und die bisher gewohnte kirchliche Praxis bedrohendes. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) veröffentlichte nach ihrer Herbsttagung des Kirchenparlaments in Erfurt im November 2022, dass bis 2030 jede vierte Pfarrstelle unbesetzt zu bleiben drohe. Derzeit befänden sich schon mehr Pfarrer und Pfarrerinnen im Ruhestand (964) als im aktiven Dienst (796).24
Auch die Anzahl der Mitglieder in katholischen Ordensgemeinschaften von Frauen wie Männern verringert sich seit
Jahrzehnten deutschland- und weltweit
kontinuierlich, wobei Frauenorden stärker
betroffen sind. In Deutschland lebten vor einigen Jahren nur noch 10.953 Ordensfrauen in 964 klösterlichen Niederlassungen sowie 3349 Ordensmänner in 385 Niederlassungen. Die Hälfte der Männer ist älter als 65 Jahre, bei den Ordensfrauen sind sogar rund 82 % älter als 65 Jahre. 1965 gab es noch ca. 100.000 Nonnen in Deutschland, 1990 waren es noch über 44.000, mehr als viermal so viel wie heute. Bei den Männern halbierte sich die Zahl seit 1990 (ca. 6900). Die Anzahl der jährlichen Novizinnen in Deutschland sank seit 1990 bis 2021 von 329 auf 53, was die zunehmende Überalterung der Frauenorden erklärt.25
Dazu ein aktuelles, besonders plastisches Beispiel: Wenn sich das Klarissinnenkloster des Ordens „von der ewigen Anbetung“ in Bautzen in der Oberlausitz im Jahr 2024 auflöst, weil die verbliebenen acht Schwestern zwar für die „Anliegen der Menschen“ gebetet haben, ihre eigenen Konflikte im Hier und Jetzt jedoch nicht miteinander lösen konnten, ist das sowohl sprachlich als auch inhaltlich dazu angetan, zumindest für erhobene Augenbrauen zu sorgen. Und dass – während die übrigen Schwestern in andere Klöster wechseln – die jüngste Nonne dem Klosterleben ganz den Rücken kehrt und eine Ausbildung beginnt, spiegelt im Kleinen die aktuelle Gesamtsituation in Deutschland.26
Vorliegender Text beruht in aktualisierter Form auf dem Beitrag des Verfassers „Abschied auf Raten. Die Profanierung von Kirchengebäuden in Sachsen-Anhalt als Teil eines gesellschaftlichen Umbruchs“ in Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 2025, Heft 1, S. 48–74. Dort finden sich auch alle detaillierten Nachweise zu verwendeten Quellen, welche hier in der MIZ nur komprimiert dargestellt werden können.
Anmerkungen
1 Für hilfreiche Hinweise bei der Bearbeitung dieses Themas danke ich meinen KollegInnen vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Sebastian Händler, Ingolf Herbarth, Dorothee Honekamp-Könemann, Andreas Huth, Mathias Köhler, Birte Rüdiger, Volker Seifert und Anja Tietz.
2 https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-2024; https://www.lvz.de/politik/mehr-als-600-000-austritte-2025-warum-die-kirchen-in-deutschland-so-viele-mitglieder-verlieren-6SZLEVT3NZFLFCIZMHX62EIBBI.html (Zugriff 24.3.2026).
3 Wie hältst du’s mit der Kirche? Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft. Erste Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, hrsg. von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Leipzig 2023 (im Folg. KMU 6), S. 43.
4 Koch, Matthias: Das neue bunte Polen, in: Leipziger Volkszeitung, 3.1.2024, S. 3.
5 KMU 6, S. 14 f., 19–21.
6 FAZ am 1. Juli 2023, https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/katholische-kirche-wer-braucht-sie-bei-all-den-austritten-noch-19001708.html (Zugriff 14.12.23); https://www.zdf.de/kultur/unter-anderen/kirche-revolution-austritt-queer-kindesmissbrauch-100.html (Zugriff 24.5.2024); Spiegel Online am 30. Juni 2023, https://www.spiegel.de/politik/katholische-kirche-warum-es-jetzt-grundlegende-reformen-braucht-a-e5e64e42-5297-479c-80cc-23717239fa38 (Zugriff 15.12.2023).
7 Langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens in Deutschland. Eine Studie des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg, Hannover/Bonn 2017, S. 13; https://www.ekd.de/projektion2060-mitgliederzahlen-45532.htm (Zugriff 14.6.2024).
8 Heinig, Hans Michael: Pluralisierung – Säkularisierung – Europäisierung. Dynamiken im Verhältnis von Staat und Kirche, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ; Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“) 2023,39, S. 21-26, Zitat S. 26.
9 https://kmu.ekd.de/kmu-themen/reformerwartungen (Zugriff 24.3.2026).
10 KMU 6, S. 94.
11 KMU 6, S. 57, 66, Zitat S. 59.
12 https://buerger.sachsen-anhalt.de/detail?pstId=183708 (Zugriff 4.3.2026).
13 KMU 6, S. 34 f., 62.
14 KMU 6, S. 62–64.
15 Kinzig, Wolfram: Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss, in: APuZ, 2023,39, S. 13–20, hier S. 16 f.
16 https://www.ekd.de/evangelisches-gesangbuch-52340.htm; https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelisches_Gesangbuch (Zugriff 23.3.2026).
17 https://www.spiegel.de/panorama/ekd-missbrauchsstudie-derselbe-sumpf-nur-noch-mehr-nebel-kommentar-a-3ccd7414-ce79-4d69-9383-5e0265595668 (Zugriff 31.1.2024).
18 Andresen, Sabine: Für Schuld und Versagen Verantwortung übernehmen. Sexueller Missbrauch in der evangelischen und katholischen Kirche, in: APuZ, 2023,39, S. 27–33, Zitate S. 29 f.
19 Forschungsverbund ForuM (Hrsg.): Abschlussbericht. Forschung zur Aufarbeitung von sexu-
alisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland (o. J. [2024]) sowie ders.: Zusammenfassung der Ergebnisse, Schlussfolgerungen und Empfehlungen für Prävention, Intervention und Aufarbeitung (o. J. [2024], o. S.), siehe https://www.forum-studie.de (Zugriff 4.3.2026).
20 ForuM (Hrsg.), Zusammenfassung der Ergebnisse, Zitat S. 19, Informationen bes. S. 8 f., 11, 16, 21, 23 und 26.
21 n-tv online am 11.9.2011: https://www.n-tv.de/panorama/EKD-entschuldigt-sich-bei-Opfern-article4272756.html (Zugriff 24.5.2024).
22 Spiegel online am 20.11.2012: Yasmin El-Sharif: Gegen die Kirchen, für die Menschen, https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kommentar-zum-streikrecht-bei-kirchen-ein-gerechtes-urteil-a-868162.html (Zugriff 24.5.2024).
23 Frank Döhling, techn. Sachbearbeiter Immissionsschutzbehörde, Amt für Umweltschutz Leipzig, am 30.7.2024 per E-Mail an den Verfasser.
24 Mitteldeutsche Zeitung am 18.11.2022: Prognose: Jede vierte Pfarrstelle in EKM bis 2030 unbesetzt (https://www.mz.de/deutschland-und-welt/deutschland/prognose-jede-vierte-pfarrstelle-in-ekm-bis-2030-unbesetzt-3487253 [28.3.2024]).
25 https://fowid.de/meldung/ordensgemeinschaften-2022 (Zugriff 24.3.2026).
26 Leipziger Volkszeitung am 26.7.2024, S. 9.
