Buchbesprechung | Veröffentlicht in MIZ 1/26 | Geschrieben von Christoph Lammers

Rezension von John McWorther: Die Erwählten

John McWorther: Die Erwählten. Wie der neue Antirassismus die Gesellschaft spaltet. Hamburg: Hoffmann und Campe 2022. 256 Seiten, gebunden, Euro 23.-, ISBN 978-3-455-01297-2

Folgende Situation: Sie sitzen im Café und hören am Nebentisch eine Diskus­sion: Eine junge Frau erzählt, dass sie als schwarze Person nicht wagen könne, bestimmte Bücher zu kritisieren, weil das als „kulturelle Aneignung“ gelte. Ihr Gegenüber, ein weißer Mann, nickt verständnisvoll und versichert, dass er als „Privilegierter“ sowieso nicht mitreden dürfe. Was klingt wie eine skurrile Anekdote, ist für John McWhorter Alltag der neuen Identitätspolitik – und genau dagegen wendet sich sein Buch Die Erwählten.

McWhorter, Professor an der Columbia University, Linguist und regelmäßiger Kolumnist der New York Times, zerlegt in neun Kapiteln die anti-aufklärerische Kehrseite dessen, was sich selbst „Antirassismus“ nennt. Seine Kernthese: Diese neue Doktrin – von ihm „Woke-Religion“ oder „Dritter Rassismus“ genannt – spaltet mehr, als sie verbindet. Sie funktioniere wie eine Religion mit Erwählten (der „Woken“), Sünden („Mikroaggressionen“) und Exkommunikation (Cancel Culture). „Diese neue Religion hat Dogmen, sie hat Priester, sie hat sogar einen eigenen Jenseitsglauben“ (S. 23), schreibt er und vergleicht die Bewegung mit dem Puritanismus des 17. Jahrhunderts.
Im ersten Kapitel „Die neue Religion“ zeigt McWhorter, wie Identitätspolitik die klassische Bürgerrechtsbewegung verrät. Martin Luther King kämpfte für einen „Inhalt des Charakters“ statt „Hautfarbe“ – heute werde das umgekehrt. Kapitel zwei bis vier analysieren die Sprachpolizei („Sprachschutz“), die 
Opfer-Olympiade („Oppression Olym­pics“) und die Abschaffung von Indivi­dualität zugunsten von Gruppen­zuge­hörigkeit. Besonders pointiert wird die Kritik an der „Disparitäts-Doktrin“: Jede statistische Ungleichheit wird automatisch als Rassismus gewertet, Ursachenforschung gilt als Häresie.
Im Zentrum steht die Analyse von Ibram X. Kendis How to be an Antiracist und Robin DiAngelos White Fragility. McWhorter zeigt, wie Kendis Aufruf zu aktiver Diskriminierung („Um rassistisch zu sein, muss man nicht hassen, man muss nur anders sein“ [S. 112]) logisch in die Sackgasse führt. DiAngelo wiederum entlarvt er als Ver­kaufsmaschine für Schuldgefühle: „Sie verdient Millionen damit, weißen Managern einzureden, sie seien von Natur aus böse“ (S. 156).
Das Buch schließt mit konkreten Vor­schlägen: Bildung statt Schuldzuwei­sung, freie Debatte statt Zensur, Uni­versalismus statt Tribalismus.
Wieso es sich lohnt, das Buch zu lesen? Weil Identitätspolitik die (säkularen) Errungenschaften der Aufklärung bedroht: Vernunft, Individualität, Uni­versalismus. McWhorter kämpft hierfür mit der Präzision eines Linguisten und der Polemik eines Publizisten. In einer Zeit, in der Menschenrechte universell sein sollten, zeigt er, wie „Antirassismus“ zum Rassismus mutiert. „Die wahre Bedrohung für den Fortschritt ist nicht weiße Vorherrschaft, sondern weiße Unterwerfung“ (S. 289).
McWhorters Buch ist kein langes Pamphlet, sondern eine präzise Diagnose mit Therapierezept. Lesens­wert – dringend sogar.

Christoph Lammers