Prisma | Veröffentlicht in MIZ 3/19 | Geschrieben von Redaktion MIZ

Internationale Solidarität gegen Zwangsverschleierung

Säkulare Migrantinnen organisieren einen Protesttag gegen religiöse Bekleidungsvorschriften

Teheran, Straße der Revolution, 27. Dezember 2017. Eine junge Frau steigt auf einen Stromverteilerkasten, nimmt ihr „Kopftuch“ ab, bindet es an einen Stock und schwenkt diesen hin und her. Mittlerweile hat das „Mädchen der Revolutionsstraße“ zahlreiche Nachahmerinnnen gefunden, die auf diese Weise gegen die Bekleidungsvorschriften protestieren, die vorsehen, dass Frauen nur verschleiert am öffentlichen Leben teilhaben dürfen. Ihren Kampf soll der Internationale Tag gegen Zwangsverschleierung unterstützen.

Maßgeblich beteiligt an der Vorberei­tung ist Shahnaz Morattab. Am Stand der „Säkularen Migrantinnen“ auf der Frankfurter Buchmesse stellt sie Fotos des Protestes der „Mädchen der Revolutionsstraße“ aus, meist aufgenommen von Passanten und verbreitet über soziale Netzwerke. So erhält der Widerstand gegen den Schleier ein vielfältiges Gesicht. Andere Bilder zeigen die Kehrseite: die Repression durch das islamische Regime. Frauen in schwarzen Gewändern attackieren Frauen, die sich nicht gesetzmäßig verschleiert haben, die ihr „Kopftuch“ so gebunden haben, dass eine Haarsträhne hervorlugt. Von den Angreiferinnen ist nur das Gesicht zu sehen – und in einigen Fällen ein Abzeichen am Ärmel, das sie als Repräsentantinnen der Staatsgewalt ausweist.

Denn die Verschleierung von Frauen in der Öffentlichkeit konnte von Anfang an nur mit massivem Druck und Gewalt durchgesetzt werden. Sie war ein Prestigepojekt des gesellschaftlichen Umbaus nach der „Islamischen Revolution“ von 1979, die den Regimewechsel „sichtbar“ machen sollte. Für das Regime verkörpert der Schleier „kulturelle Unabhängigkeit“ und Abgrenzung von der „westlichen Lebensweise“. Die Bevölkerungen sieht das zu einem guten Teil jedoch bis heute anders: Immerhin 49% lehnen den Kopftuchzwang ab.1 Vor allem in den Städten kam es in den letzten 40 Jahren immer wieder zu Protesten und Aktionen zivilen Ungehorsams.

Wie viele Frauen diesmal ihren Schleier abgenommen und an einen 
Stock gebunden haben, ist unklar. Shahnaz Morattab spricht von Tausen­den Bildern und Videos, die über die sozialen Netzwerke Verbreitung finden. Der Protest hat sich über das ganze Land ausgebreitet und flammt spontan immer wieder auf. Das macht es für das islamische Regime schwer zu reagieren. Offenbar beteiligen sich viele Frauen, die noch nie durch oppositionelle Aktivitäten in Erscheinung getreten sind. Wenn es der Staatsgewalt jedoch gelingt, die Protestierenden zu identifizieren, werden sie fast immer zu Haftstrafen verurteilt. Die in den Medien verbreiteten Zahlen weichen voneinander ab, aber bislang scheint es nur einige Dutzend Verurteilungen gegeben zu haben.

Shahnaz Morattab sieht den Inter­nationalen Tag gegen Zwangsver­schleierung als Solidaritäts­erklä­rung 
für die Frauen im Iran, darüber hinaus aber für alle Frauen, die weltweit gegen „Zwangsverschleierung, Dis­krimi­nie­rung und Geschlechter-Apartheid“ kämpfen. Der Schleier ist für sie Ausdruck einer „Mode“, in der sich die islamischen Gesetze spiegeln, und somit ein Symbol für die gewollte Unselbständigkeit der Frau.

Es geht aber nicht nur um Länder, in denen religiöse Regime oder Institutionen das gesellschaftliche Leben dominieren. Auch für Deutschland sieht die Aktivistin Gefahren. Das „Kopftuch“ werde als kulturelles Accessoire oder Ausdruck einer multikulturellen Gesellschaft verharmlost, oft verbunden mit dem Vorwand, damit eine „postkoloniale“ Position zu beziehen. Als Beispiel kann die Ausstellung Contemporary Muslim Fashions gelten, die den ganzen Sommer über im Frankfurter Museum Angewandte Kunst zu sehen war.

Immer häufiger fordere die islamische religiöse Rechte auch, das „Kinder­kopftuch“ an Schulen zuzulassen. Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit werde ein uneingeschränkter Zugriff auf Kinder angestrebt, meint Morattab. Auch dagegen positioniere sich der internationale Protesttag.

Anmerkung

1 Laut einer von der iranischen Regierung in Auftrag gegebenen Umfrage aus dem Jahr 2014. Vgl. Paul-Anton Krüger, Anti-Kopftuch-Demonstrantin muss in Haft, https://www.sueddeutsche.de/politik/iran-anti-kopftuch-demonstrantin-muss-in-haft-1.3900514 (Zugriff 27.10.2019).

Informationen

Die Aktionen am 27.12.2019 werden weltweit stattfinden. Die internationale Koordinierung war bei Redaktionsschluss noch nicht abgeschlossen, aber fest steht, dass es in Finnland, Großbritannien, Kanada, Schweden und den USA zu Protesten kommen wird. In Deutschland sind bislang Kundgebungen in Frankfurt am Main, Kassel und Köln angekündigt. Aktuelle Informationen: migrantinnen.s@gmail.com.