Prisma | Veröffentlicht in MIZ 1/26 | Geschrieben von F.F. Katterfeldt

Tradition, Familie, Privateigentum

Wie sich rechtskatholische Netzwerke in Europa ausbreiten

Am 20. März 2026 fand auf der Leipziger Buchmesse eine Veran­staltung mit dem Titel „Linke Gewalt gegen Lebensrechtler“ statt. Moderiert von Heiner Lüning stellte Elias Burow im Gespräch mit Mathias von Gersdorff dessen Buch Antifa marschiert: Linke Gewalt gegen Lebensrechtler über vermeintlich organisierte und systematische Angriffe auf die selbsternannten Lebensschützer vor. Doch viel interessanter als der Inhalt sind die Teilnehmer und der Veranstalter des Panels. Wer ist Mathias von Gersdorff? Wer ist Elias Burow? Und welche Rolle spielt die Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur DVCK e.V.?

Um diese Fragen zu beantworten, begebe ich mich auf eine Reise, die auf der Leipziger Buchmesse beginnt und von Brasilien über Polen bis nach Russland führt.

Von der Leipziger Buchmesse…

Als ich unter den über 3000 Veranstal­tungen der Leipziger Buchmesse auf die „Präsentation“ Linke Gewalt gegen Lebensrechtler stoße, werde ich stutzig. Der Name Mathias von Gersdorff ist mir nicht ganz unbekannt. Im Rahmen meiner Recherche zu weltweit agierenden christlich-fundamenta­lis­tischen Netzwerken und ihren Ver­strickungen in die rechte Szene ist er mir schon begegnet: Als so genannter „Meinungsmacher“ auf YouTube. Dort attestiert er Friedrich Merz eine „Autismus/Narzissmus-Krise“, erklärt den Katholikentag zum „LUPENREINEN REGENBOGENZIRKUS“, bei dem die deutsche Gender-Nationalkirche gegründet worden sei und schwadroniert über das Aussterben der Deutschen.

Mit 55.800 Followern kann man Gersdorff neben Jasmin Friesen (LIEBEZURBIBEL, 53.100 Follower), Tobias Riemenschneider (28.800 Follower) und Jonathan Albrecht (39.600 Follower) zu den christlichen YouTube-Influencern zählen.
Doch den Veranstalter des Panels hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm. Das mag an dem erstmal recht harmlos anmutenden Namen liegen: Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur DVCK e.V. Auch die Webseite des Vereins wirkt in der Aufmachung unspektakulär. Zeit, etwas genauer hin­zuschauen. Die aus ehrenamtlichen Mit­gliedern bestehende, 1983 ge­grün­dete Organisation hat sich dem Kampf für die „Wiederherstellung der christlichen Zivilisation“ verschrieben und beschreibt sich selbst in der „Orientierung“ katholisch, im „Tätigkeitsbereich“ überkonfessionell.
Es werden drei Unterorganisationen gelistet: Aktion Kinder in Gefahr, Aktion SOS Leben und Aktion Deutschland braucht Mariens Hilfe. Während die Aktion Kinder in Gefahr Initiativen zu Themen der Familienpolitik, gegen das Selbstbestimmungsgesetz und Adoptionsrechte von gleichgeschlechtlichen Paaren organisiert, fährt die Aktion SOS Leben Kampagnen gegen Abtreibungsrechte. Dort findet sich auch das auf der Messe vorgestellte Buch.
Bei der Aktion Deutschland braucht Mariens Hilfe handelt es sich laut Selbst­beschreibung um katholische Laien, die sich „der Verbreitung der Botschaft von Fatima“ widmen. Dort werden katholische Schriften, Rosen­kränze und Medaillen vertrieben. Alle drei Webseiten werden vom DVCK e.V. betrieben.
Hier bin ich erst einmal in einer Sackgasse gelandet, also zurück zum Ausgangspunkt, die Veranstaltung auf der Leipziger Buchmesse. Zurück zu Elias Burow, einem durchschnittlichen Jüngling, der sich ob der großen Bühne, auf der er sitzt, vor Begeisterung schier zu überschlagen scheint. Dabei scheint es ihn nicht zu stören, dass die Zuschauerreihen kaum zur Hälfte besetzt sind und das Publikum zu drei Vierteln eher nicht seiner Zielgruppe entspricht, sondern einem eindeutig linkeren Spektrum zuzuordnen ist. Die Euphorie des jungen Mannes steht in starkem Kontrast zu seinen Worten. Er bringt seinen Wunsch nach einem Staat, dessen Gesetze auf der Grundlage der Biblischen geschrieben werden, zum Ausdruck und moniert, wie gefährlich der Einsatz für das Lebensrecht geworden sei, im Angesicht von vermeintlich systematischen und organisierten Angriffen durch die Antifa. Im Mittelpunkt steht Burows Bericht über einen Angriff auf eine Demonstration von Lebensschützern in Koblenz.
Ich erinnere mich an diesen Vorfall, über den in den sozialen Medien ein Video kursierte. Gepostet hat das Video die TFP Studentenaktion. Auf dem Account häufen sich Beiträge gegen Homosexualität und Abtreibung, in einigen ist Mathias von Gersdorff zu sehen.

…nach Brasilien

TFP ist das Kürzel der Vereinigungen zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum. Dahinter verbirgt sich eine rechtskatholische Organisation mit politischen Ansprüchen, die vor allem Aristokraten anzieht. Der Ursprung des mittlerweile international agierenden Netzwerks findet sich in Brasilien. Dort gründet der Katholik und Univer­sitätsprofessor Plinio Corrêa de Olivei­ra im Jahr 1960 die erste TFP und verfasst das Grundlagenwerk Revolution und Gegenrevolution, auf das sich TFP im internationalen Raum bezieht. Hauptthese ist, verschiedene revolutionäre Stufen, angefangen von der Reformation über die Entstehung des Marxismus bis hin zum postmodernen Kulturrelativismus und der sexuellen Revolution, hätten zur Auflösung der christlichen Ordnung in Europa geführt. De Oliveira romantisiert das Mittelalter, die Inquisition hält er für eine „großartige Institution“.1 Es bräuchte eine „Revolution des Kreuzes“: die Wiederherstellung religiöser Autorität und die Rückkehr zu einer katholischen Tradition. In Der Adel und die vergleichbaren traditionellen Eliten stellt De Oliveira die Bedeutung des Adels für die heutige Zeit heraus. Dieser sei dazu berufen, „in der Welt die Werte des Christentums zu verteidigen und für den Aufbau einer christlichen Welt zu arbeiten“.2

In den darauf folgenden Jahrzehnten expandiert die TFP von Brasilien aus in weitere südamerikanische Länder und schließlich auch nach Europa, Indien oder Neuseeland. Damit ist die TFP das „größte vom Katholizismus inspirierte antikommunistische und antisozialistische Netzwerk der Welt“.3
Jede TFP-Sektion ist ähnlich aufgebaut: Es gibt die jeweilige nationale TFP, eine dazugehörige Studentenaktion sowie verschiedene Fundraisingaktionen, darunter Initiativen, die mutmaßliche „Marienerscheinungen“ im portugiesischen Fatima ins Zentrum stellen. Hier findet sich über die Webseite Aktion Deutschland braucht Mariens Hilfe die Verbindung zur Deutschen Vereinigung für eine christliche Kultur DVCK e.V. Die Studentenaktionen der TFP machen vor allem durch Antiabtreibungsproteste auf sich aufmerksam.

Von Nordamerika nach Europa

Vizepräsident der amerikanischen Sek­tion ist John Horvat II, Autor von Return to Order, in der er seine Vision einer Rückkehr zur Ordnung zum Ausdruck bringt. Er proklamiert den Zusammenbruch von Familie und Gesellschaft in Amerika infolge der Abkehr von Gott und seinen Gesetzen. Antwort auf diese „Krise“ sollen eine Rückkehr zu gottgegebenen Institutionen und Prinzipien sein, die auf natürliche Weise die Gesellschaft regulieren und in Balance bringen sollen.4

Das Vorwort der deutschen Über­setzung – ein Plädoyer für die Allgemein­gültigkeit von Horvats Visionen und deren Anwendung in Europa – hat Paul von Oldenburg verfasst. Paul-Wladimir Herzog von Oldenburg ist der Sohn von Friedrich August von Oldenburg und Marie Cäcilie von Preußen und stammt damit aus dem deutschen Hochadel. Die Cousine von Paul von Oldenburg ist Beatrix von Storch, geborene von Oldenburg, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Alternative für Deutschland im Bundestag.
In ihrer Studentenzeit war sie gemeinsam mit Paul von Oldenburg und ihrem späteren Ehemann Sven von Storch im Verein Studenten für den Rechtsstaat aktiv. Dieser erbadelige Verein setzte sich für die Rückgabe von in der DDR enteignetem Grundbesitz ein.5
Während die Häuser Oldenburg und Hohenzollern traditionell protes-
­tantisch sind, ist Paul von Olden­burg nach einem gemeinsamen Seminar­wochenende der TFP Deutschland und den Studenten für den Rechtsstaat mit dem Titel Strategien ideologischen Handelns”, bei dem auch der Gründer der deutschen Sektion, Ma­thias von Gersdorff zugegen ist, zum Katholizismus konvertiert und hat sich der TFP angeschlossen. Seitdem ist er nicht mehr als Mitglied der Stu­dentenvereinigung gelistet. Die Ver­bindungen zwischen der TFP und den von Storchs bleiben weiterhin bestehen – Beatrix von Storch und ihr Ehemann wurden zuletzt 2022 nachweislich in der TFP Denkzentrale Instituto Plinio 
Corrêa de Oliveira in Brasilien gemein­sam mit der brasilianischen Königs­familie Orleans-Braganza de Wittels­bach empfangen.6
Heute leitet Paul von Oldenburg das Büro der Föderation Pro Europa Christiana (FEPC), ein europäischer Dachverband verschiedener TFP- Sektionen und eben auch der Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur DVCK e.V. Als Lobbyverband bringt die 
FEPC Kirchenmänner und führende Politiker zusammen und versucht, Ein­fluss auf politische Entscheidungs­fin­dung zu nehmen.7

Von Polen…

Der Fokus europäischer TFP-Sektionen liegt derzeit vor allem auf sexuellen und reproduktiven Rechten, also Abtreibungsrechte, aber auch den Rechten von Homosexuellen und Transpersonen. Zwischen 2009 und 2018 haben sie mindestens 113 Mil­lionen Dollar generiert. Sie versuchen auf verschiedenen Wegen Gesetz­ge­bung und Gesellschaften zu beeinflus­sen. In Polen zum Beispiel ging aus einem TFP-Ableger Ordo Iuris, ein Zusammenschluss rechtskonservativer polnischer Juristen, hervor. Dieser verfolgt die Strategie der Einschüchterung mit Klagen gegen Frauen­rechts­aktivistinnen und Journalist*innen, die oft über weniger Ressourcen verfügen.8 Der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge hat Ordo Iuris aktiv an der Verschärfung des Abtreibungsgesetzes mitgewirkt und so genannte „LGBT-freie-Zonen“ gefördert. Mitbegründer der Organisation Aleksander Stepkowski war zeitweise sogar Sprecher des Obersten Gerichtshofes und steht heute noch dem Lehrstuhl Soziologie des Rechts an der Universität Warschau vor.

Das Beispiel Polen zeigt, welche Wirkmacht solche Netzwerke entfalten können, wenn man sich ihnen nicht aktiv und frühzeitig entgegen stellt. Auch in Deutschland können, wie sich im Folgenden zeigt, die ultrareligiösen Netzwerke bedeutende Erfolge verzeichnen.

…über Deutschland nach Russland

Zuständiger des deutschen TFP-Able­gers ist auch heute noch Mathias von Gersdorff. Von ihm sind Artikel im Internetmagazin Freie Welt zu finden, einem Medium, für dessen Inhalt laut Impressum Sven von Storch und die Zivile Koalition verantwortlich sind.9 Als Adresse ist das Wahlkreisbüro von Beatrix von Storch angegeben, aus dem auch die Demo für Alle hervorgegangen ist. Unterstützt wird die Demo für Alle von der international agierenden rechtskatholischen Plattform CitizenGO, die mithilfe von Petitionen und Bustouren gegen Sexualaufklärung in Schulen, Abtreibungsrechte und Gleich­stellung von Homosexuellen und Transpersonen vorgeht. Beide Ini­tiativen verstecken sich dabei hinter vermeintlichem „Kinderschutz“. Während der Gründer von CitizenGO, der spanische Aktivist Ignacio Arsuaga, Kontakte zur AfD, der italienischen Lega und der Fidesz in Ungarn unterhält, ist einer der Geldgeber der Putin-nahe Konstantin Malofejew, ein russischer Milliardär, dessen Wunschtraum eine „Art christliches Zarenreich“ ist. CitizenGO war 2025 maßgeblich zusammen mit Beatrix von Storch und diversen Playern der Anti-Abtreibungsszene an der Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf beteiligt. Diese Kampagne gipfelte schlussendlich im Verzicht der renommierten Rechtswissenschaftlerin auf die Kandidatur für das Bundes­ver­fassungsgericht. Dass auch in Deutsch­land eine augenscheinlich so kleine Minderheit wie die Abtreibungsgegner so großen Einfluss auf wichtige Ent­scheidungsprozesse ausüben kann, ist erschreckend, aber nicht mehr über­raschend, wenn man sich mit den Netz­werken dahinter auseinandersetzt.

Die Frage, die bleibt

Wem jetzt der Kopf schwirrt, den kann ich gut verstehen. Mir ging es bei meiner Recherche nicht anders. Zusam­menfassend kann man nur sagen: Es gibt ein zutiefst antidemokratisches Netzwerk, das weit über die TFP und weit über Deutschland hinausgeht. Ein Netzwerk, in dem sich der deutsche Erbadel, russische Oligarchen und brasilianische Thronfolger tummeln, die sich in Monarchien und Gottesstaaten nicht nur hineinträumen, sondern ganz aktiv an deren Aufbau arbeiten. Ein Netzwerk, dessen Mitglieder in den höchsten Reihen der Politik und in Gerichten sitzen, und das hohe finanzielle Mittel mobilisieren kann.

Was bleibt, ist die Frage, warum die Leipziger Buchmesse Playern dieses Netzwerkes eine Bühne bietet. Eine Antwort darauf bleibt die Messe bis heute schuldig.

Quellen

Mathias von Gersdorff auf YouTube: https://www.youtube.com/@mvongersdorff
Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur: https://www.dvck.de/index.html
Aktion Kinder in Gefahr: https://aktionkinderingefahr.de
Aktion Deutschland braucht Mariens Hilfe: 
https://marienshilfe.de

Anmerkungen

1 https://www.pliniocorreadeoliveira.info/revolution-und-gegenrevolution-in-sitten-umgebungen-und-institutionen/#gsc.tab=0
2 https://tfp.at/produkt/der-adel-und-die-vergleichbaren-traditionellen-eliten/
3 https://www.tfp.org/magazines/crusade_mag_vol_134.pdf
4 https://www.returntoorder.org/return-to-order/
5 https://www.campact.de/blog/2022/11/10-jahre-sozialfeindlichkeit-2-das-aristokraten-netzwerk-von-beatrix-von-storch/
6 https://andreaskemper.org/2022/11/16/beatrix-von-storch-und-die-tfp/#Storch
7 https://www.aida-archiv.de/2023/08/08/kreuzritter-gegen-die-moderne/
8 https://www.bpb.de/themen/europa/polen-analysen/nr-333/551987/analyse-ordo-iuris-fundamental-katholische-juristen-im-kampf-um-deutungshoheit/
9 https://www.freiewelt.net/impressum
10 https://taz.de/Finanzen-der-extremen-Rechten/!5588839/
11 https://www.deutschlandfunk.de/der-world-congress-of-families-weltweites-rechtes-100.html