Schwerpunktthema | Veröffentlicht in MIZ 1/23 | Geschrieben von Martin Mahner

Warum die sog. „Critical Studies“ unter Pseudowissenschaftsverdacht stehen

An den Universitäten finden sich in den Geistes- und Sozialwissen­schaften seit längerem verschiedene Theorien, Ansätze, Subdiszipli­nen oder ganze Fächer, die im Englischen als „Critical Studies‟ zusammengefasst werden (im Folgenden als CS abgekürzt). Dazu gehören u.a. die Critical Race Theory, Post-Colonial Studies, Gender Studies, Queer Studies, Fat Studies und Disability Studies. Durch ihr Vorhandensein und ihre Stellung in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten entsteht automatisch ein Wissenschaftsanspruch.

Bereiche mit Wissenschaftsanspruch sind für die Skeptikerbewegung von Interesse, wenn der begründete Ver­dacht besteht, dass der Wissen­schafts­anspruch zum Teil oder zur Gänze nicht eingelöst wird und damit zu Unrecht besteht. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Wissenschaftsanspruch explizit durch eigene Zuschreibung erfolgt oder nur implizit durch das bloße Vertretensein im universitären Lehr- und Forschungsbetrieb.

Um zu verstehen, warum die CS im Verdacht stehen, ihren Wissen­schaftsanspruch zumindest teilweise nicht zu erfüllen, ist es hilfreich, einen Blick auf ein allgemeines Analyse­schema zu werfen, das auf alle Bereiche angewandt werden kann, die einen Erkenntnisanspruch erheben, sei er berechtigt oder nicht (s. Abb 1). Das Schema kann also gleichermaßen auf die Physik und die Homöopathie oder auf die Erziehungswissenschaften und die Waldorfpädagogik angewandt werden.

Analytisches ABC

Alle Ansätze, Theorien und Fächer haben – oft unausgesprochene – philosophische Voraussetzungen (A). Dazu gehören u.a. Grundregeln des rationalen Diskurses, Auffassungen bzw. Regeln zu einem korrekten Erkenntnis­begriff, Auffassungen zum Wahrheits­begriff und zur Gültigkeit des Sparsam­keitsprinzips, usw. Die Analyse dieser Voraussetzungen ist eine typisch philosophische bzw. wissenschaftsphilosophische Aufgabe.
Ebenso ist die Wissenschaftsphilosophie an der Analyse des Bereichs selbst interessiert (B), wobei B die Theorien und Forschungsmethoden umfasst. Um den Wissenschaftsanspruch von B zu untersuchen, kann man beispielsweise fragen:

– Sind die Theorien und Ansätze in dem Bereich widerspruchsfrei?
– Wird die Möglichkeit des Irrtums eingeräumt (Fallibilismus)?
– Wenn ja, gibt es Mechanismen zur Fehler- bzw. Irrtumskontrolle?
– Wie steht es mit Kohärenz und Evidenzbasierung? (Hierbei darf „Evidenz‟ nicht auf empirische Belege im naturwissenschaftlich-experimentellen Sinne eingeschränkt werden. So kann man z.B. fragen, welche Belege man für die Behauptung hat, ein Text oder ein Kunstwerk m sei früher oder später entstanden als ein Text oder Kunstwerk n, wenn bei beiden keine Datierung auszumachen ist.)
– Können die Vertreter des Bereichs frei bzw. ergebnisoffen forschen und publizieren? Oder werden die Ergebnisse bzw. das Spektrum möglicher Forschungsresultate durch ideologische Vorgaben eingeschränkt?
– Sind die Behauptungen des Bereichs vereinbar mit wohlbestätigtem Wissen innerhalb und außerhalb der eigenen Fächergruppe?

Solche Aspekte bzw. Fragen gehören zum normalen skeptischen Instru­men­tarium zur Abgrenzung von Wis­senschaft und Pseudowissenschaft.

Der dritte Aspekt C, der der praktischen Anwendung, muss nicht überall gegeben sein. Die Kosmologie hat wohl eher keine praktischen Anwendungen zur Folge, während es andere Bereiche der Physik erlauben, Elektromotoren oder Kernspintomographen zu bauen. Technologien sind aber nicht nur auf die Naturwissenschaften beschränkt: auch Geistes- und Sozialwissenschaften haben praktische Umsetzungen zur Folge, wie z.B. die Erziehungswissenschaften. Man kann hier von Soziotechnologien sprechen.
Die Beurteilungskriterien von A und B sind, wie man an den obigen Beispielen sieht, recht abstrakt und daher nicht unbedingt geeignet, eine breite Öffentlichkeit für das skeptische Anliegen zu begeistern. Wer also eine breitere Öffentlichkeit erreichen will, holt diese dort ab, wo sie steht, indem lebensnahe Beispiele aus dem Alltag gewählt werden, um zunächst an diesen das kritische Denken zu üben und es letztlich auf die eigentlichen Analysepunkte in A und B zu lenken. Dafür bietet sich oft der Punkt C an, der Bereich der praktischen Umsetzung. In der Skeptikerbewegung findet diese Herangehensweise im Falle der altbekannten Parawissenschaften häufig statt. Wir beginnen z.B. oft mit dem Wünschelrutengehen, nicht mit der Radiästhesie als Theorie; mit Prognosen statt mit den astrologischen Lehren; mit den alternativmedizinischen Heilverfahren statt mit den verschiedenen Hintergrundtheorien; mit abstrusen Management- und Coachingpraktiken statt mit deren theoretischer Basis usw.
Unabhängig davon ist es auch wiss­en­schaftsphilosophisch legitim, C zu untersuchen: Sollten sich dort näm­lich erhebliche Inkohärenzen oder An­wendungsprobleme finden, deutet dies auf Inkohärenzen in den theoretischen Grundlagen in B hin. Wissen­schaftliche Disziplinen sind gehalten, Widersprüche durch Umbau der Theorie zu eliminieren, während Wi­der­sprüchlichkeit für Pseudowissen­schaften ein Segen ist, weil man daraus Beliebiges folgern kann. B mag Widersprüche auch deshalb dulden, weil die Hintergrundphilosophie A beispielsweise die Rationalitätsforderung nicht enthält oder sie sogar ausdrücklich zurückweist. Auf diese Weise kann sich die kritische Analyse also auch durchaus von C über B nach A hocharbeiten. Wo man am besten beginnt, hängt von der konkreten Situation ab.
Man beachte, dass die empirische Prüfung von Theorien im Rahmen der für B üblichen Forschungsmethoden in der Regel zum Bereich B gehört. Die technologisch-praktische Anwendung C kann aber zusätzliche Bestätigung oder Schwächung für die Ansätze in B liefern. Wenn z.B. Kernspintomographen in tausenden Krankenhäusern auf der Welt funktionieren, dann dürfte die Theorie dahinter nicht völlig falsch sein. Bei ohnehin eher praktisch ausgerichteten Fächern, wie etwa der Medizin, kann aber auch C stärker in die empirische Prüfung involviert sein – wobei letztere aufgrund des Hinzutretens zahlreicher anderer Faktoren uneindeutiger und komplexer wird.
Die vorgenannten Beispiele – am eingängigsten das der Pseudomedizin – deuten an, dass C auch der Zielort zur Erkennung von Schäden sein kann, die ggf. von dubiosen theoretischen Grundlagen in B mitverschuldet werden. Dabei können Schäden an Individuen oder Gruppen nicht nur durch pseudowissenschaftlich fundierte Physiko-, Chemo-, Bio- und Psycho­technologien entstehen, sondern auch durch Pseudo-Soziotechnologien. Hin­sichtlich C kann also neben dem wis­sen­schaftstheoretischen und wissen­schafts­kommunikativen auch ein Ver­braucherschutzinteresse hinzutreten.
Das ABC-Schema lässt sich nun auch auf die CS anwenden (Abb. 2). Wir haben also zum einen die CS als Theorien / Ansätze / Fächer selbst (B), dann die erkenntnistheoretischen bzw. methodologischen Voraussetzungen der CS (A) und zu guter Letzt den angewandten Aspekt der praktischen Konsequenzen (C) der CS. Im Falle von CS sind diese Anwendungen C soziotechnologischer Natur, da sie soziale Systeme umgestalten wollen. Dazu werden verschiedenste gesellschaftspolitische und ethische Forderungen aus B abgeleitet, die mit dem Begriff „Identitätspolitik‟ zusammengefasst werden.

Verdacht der Pseudowissenschaftlichkeit

Zur Beantwortung der Frage, warum der Verdacht der Pseudowissen­schaft­lichkeit geneüber den CS besteht, genügt es, wenn wir einen Blick auf ein Beispiel aus A sowie auf ein Problem von B und C werfen.

A: Die CS sind stark beeinflusst von der sog. postmodernistischen Philo­sophie. Ein zentraler Punkt dieser Richtung ist eine relativistische Er­kennt­nistheorie, wonach Erkenntnis bzw. Erkenntnisfähigkeit nicht mehr als universell angesehen wird, sondern als relativ in Bezug auf bestimmte Individuen, Gruppen oder historische Perioden. In den CS taucht dieser Relativismus meist im Hinblick auf verschiedene Gruppen („Identitäten“) und deren Wissensformen auf. Nun soll die Existenz von Gruppenwissen nicht bestritten werden. Doch wenn jede Erkenntnis nur Gruppenwissen darstellt, steht es keiner Gruppe zu, über den Wahrheitswert des Wissens einer anderen zu befinden. Die Wissensformen verschiedener Identitäten sind dann alle gleichwertig und gleichermaßen gültig.

Ein solcher erkenntnistheoretischer Relativismus führt naturgemäß zu einem Sammelsurium alternativer Wissensformen und damit alternativer Fakten. Auf dieser Basis wäre es nicht möglich, „alternative Wissensformen“ wie Homöopathie oder Astrologie zu kritisieren. Wissenschaft setzt eine universalistische Erkenntnistheorie voraus, wonach alle rationalen Wesen bei gleicher korrekter Arbeitsweise und bei gleichem Sachstand im Prinzip zu denselben wissenschaftlichen Erkenntnissen gelangen können, von Japan bis Mexiko, von Spitzbergen bis Südafrika. Mit anderen Worten: Gruppenidentitäten und kulturelle Eigenheiten, die den wissenschaftlichen Zugang zur Welt zunächst eintrüben können, lassen sich früher oder später herausmitteln und damit transzendieren. Wissenschaftliche Erkenntnis hat damit nicht nur einen emanzipatorischen, sondern auch einen global verbindenden Charakter.
Wo immer also eine universalistische Erkenntnistheorie implizit oder explizit zurückgewiesen wird, bildet dies einen hinreichenden Grund, den Verdacht der Pseudowissenschaftlichkeit gegenüber den betreffenden Theorien, Ansätzen oder Bereichen zu hegen. Genau genommen müsste man einen Bereich, der diese zentrale universalistische Prinzip der Wissenschaft ablehnt, sogar als Antiwissenschaft betrachten.

B und C: Die selbstgestellte Aufgabe der CS ist es, bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse zu untersuchen (vor allem Machtverhältnisse und Unterdrückungsmechanismen) und dazu bestimmte Theorien zu entwickeln. Die CS sind also im Wesentlichen Sozialwissenschaften – oder eben ggf. Pseudo-Sozialwissenschaften. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihre Frage­stellungen allesamt illegitim wären. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Sozialwissenschaften werden die theoretischen Ansätze in den CS aber mit einem moralischen Status ausgestattet und liefern direkten Input zur praktischen gesellschaftspolitischen Umsetzung. Nach eigenem Verständnis ist man um die Durchsetzung „sozialer Gerechtigkeit‟ bemüht. Das Adjektiv „critical“ deutet bereits an, dass es offenbar weniger um eine neutrale Untersuchung geht, sondern um eine letztlich bewertende, die Machtverhältnisse nicht nur feststellen, sondern zugleich aufbrechen will. Dadurch sind die CS eng mit politischem Aktivismus verbunden (C).

Doch je enger sich die Verbindung von Wissenschaft und Aktivismus gestaltet, desto größer ist die Gefahr, dass das aktivistische Anliegen im Vordergrund steht und die wissenschaftliche Arbeit negativ beeinflusst. Forschung kann dann zur bloßen Bestätigungsforschung degenerieren, die nur noch dem Zweck dient, bestimmte theoretische bzw. in diesem Fall politisch-moralische Auffassungen empirisch zu legitimieren. Mit anderen Worten: Es besteht die Gefahr, dass Forschung ihre Ergebnisoffenheit verliert.
Eine nicht (mehr) ergebnisoffene Forschung führt aber dazu, dass die Theorien des Bereichs nicht (mehr) revidierbar sind. Damit gehen auch Irrtumsvorbehalt bzw. das Prinzip des Fallibilismus verloren – beides grundlegende erkenntnistheoretische Prinzipien (A) von Wissenschaft. Mit anderen Worten: Die Theorien in B können so kritikimmun werden und zum Dogma erstarren.
Die Tatsache der engen Verbindung von Theorie bzw. Fach (B) und Aktivismus (C), die mit einer starken Moralisierung von B und C einhergeht, stellt einen guten Indikator dafür dar, dass hier womöglich gegen Grundprinzipien von Wissenschaft verstoßen wird. Am dramatischsten dabei ist die kritikimmunisierende Funktion der Moralisierung: Sie führt dazu, dass Kritikern von A und B leicht unterstellt werden kann, sie wendeten sich „eigentlich‟ gegen moralisch-gesellschaftspolitische Anliegen und deren Umsetzung (C). Diese Kritikimmunisierung wird noch durch ein empirisches Argument gestützt: In der Tat ist es so, dass C oft aus politisch-ideologischen Grün­den kritisiert wird, in aller Regel von Vertretern des politisch rechten Spek­trums. Zunächst sagt die Tatsache, dass eine Kritik aus einem bestimmten politischen Spektrum kommt, nichts über die Stichhaltigkeit der Argumente aus. Aus der Tatsache, dass C oft aus der rechten Ecke attackiert wird, folgt zudem weder, dass jede Kritik zwangsläufig eine politisch rechte Fundierung aufweist, noch, dass Kritiker von A und B das moralische Grundanliegen von C notwendigerweise ablehnen.
Die beschriebene Kombination von Aktivismus und Moralisierung resultiert in der Errichtung einer starken Mauer der Kritikimmunisierung, wodurch nicht nur C, sondern auch A und B vor Kritik geschützt werden (Abb. 3). Diese Kritikimmunisierung ist derart wirksam und verbreitet, dass sie offenbar von vielen gar nicht mehr als solche erkannt wird, selbst von Personen, von denen man eine gewisse Übung im kritischen Denken erwarten würde. Daher wird man wohl darauf hinweisen müssen, dass eine derart starke Kritikimmunisierung eine weiteres Indiz für die Pseudowissenschaftlichkeit der CS bildet.
Dieser Beitrag erhebt wohlgemerkt nicht den Anspruch, einen Beweis für die Pseudowissenschaftlichkeit der CS zu führen: Er will lediglich zeigen, dass der Verdacht ihrer Pseudowissenschaftlichkeit begründet ist und an welchen zentralen Punkten eine eingehendere wissenschaftsphilosophischen bzw. skeptische Analyse ansetzen könnte.

 

Der Beitrag ist eine überarbeitete Fassung eines Textes, der zuächst im Skeptischen Netzwerk veröffentlicht wurde: https://www.gwup.org/images/pdf/Mahner-CriticalStudies-GWUP.pdf.