MIZ: Seit 2025 besteht die Webseite
fundiwatch.org. Wie kam es zur Einrichtung dieses Informationsangebotes?
FundiWatch: Wir sind Ende 2024 als Kollektiv mit dem Recherche- und Aufklärungsprojekt FundiWatch gestartet. Zuvor hatten wir uns bereits jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema christlicher Fundamentalismus und der Christlichen Rechten befasst. Dabei haben wir uns dann auch erst gegenseitig kennen gelernt. Zunächst spielten vor allem Themen wie christlich-fundamentalistische Grup-
pen im Bereich der Sozialen Arbeit, der Sexarbeitsfeindlichkeit oder auch im Kontext der Verbreitung von Verschwörungserzählungen über Fälle angeblicher „ritueller Gewalt“ eine Rolle. Gemeinsam waren und sind wir der Ansicht, dass den Gefahren christlich-fundamentalistischer Ideologien im deutschsprachigen Raum zu wenig Aufmerksamkeit zukommt und hierüber zu wenig Aufklärung geleistet wird. Hier wollen wir mit FundiWatch einen Beitrag leisten und freuen uns, dass das bereits auf so große Resonanz gestoßen ist.
MIZ: Wie stellt ihr die Informationen zusammen? Gibt es eine professionelle Struktur oder leistet ihr alles in ehrenamtlichem Engagement?
FundiWatch: Ganz viele der von uns für Recherchen genutzten Informationen finden wir öffentlich. Man muss einfach nur genau hinsehen, Querverweisen nachgehen und sicherlich auch die ein oder anderen längeren Predigten oder Texte durchlesen... Vor-Ort-Recherchen schaffen wir aus Zeit- und Geldgründen bisher selten, aber auch das kommt immer wieder vor. Ein Hauptteil unserer Arbeit besteht darin, die Informationen hervorzuheben, darauf hinzuweisen und die Zusammenhänge und ideologischen Hintergründe darzustellen und einzuordnen. Neulich haben wir beispielsweise zu einem in Berlin geplanten Kinderfest recherchiert. Für Außenstehende sah das vielleicht zunächst ganz harmlos aus. Wir haben dann dargestellt, dass der Prediger offen die AfD unterstützt, Verschwörungserzählungen verbreitet und mit deutschen und internationalen evangelikalen Netzwerken verbunden ist. Und das „harmlose“ Kinderfest tatsächlich dazu dienen sollte, die Besucher*innen zu missionieren... Also wir denken schon, dass wir professionell und sorgfältig arbeiten. Eine Finanzierung haben wir allerdings mit Ausnahme von einzelnen Honoraren für Rechercheaufträge, Vorträge etc. nicht. Das leisten wir alles „ehrenamtlich“ und freuen uns deshalb sehr über jede Unterstützung!
MIZ: Was genau seht ihr als eure Aufgabe an? Über möglichst viele einschlägige Ereignisse und Gruppierungen berichten? Oder den Bereich des christlichen Fundamentalismus genauer zu analysieren?
FundiWatch: Das gehört sicherlich schon zusammen. Allerdings wollen wir den Fokus nicht zu sehr auf einzelne Ereignisse oder besonders extreme Fälle setzen, die ohnehin noch am ehesten – allerdings häufig ohne weitere Einordnung – von Medien aufgegriffen werden. Wichtiger scheint uns, die grundlegenden Strategien, Ideologien, Netzwerke etc. aufzuzeigen und für die Gefahren christlich-fundamentalistischer Ideologien zu sensibilisieren. Letztlich geht es uns darum aufzuzeigen, wo christlich-fundamentalistische Ideologien insgesamt eine Gefahr für unsere pluralistische Gesellschaft – übrigens auch für die Religions- und Weltanschauungsfreiheit! – werden können.
MIZ: Wie definiert ihr „christlichen Fundamentalismus“?
FundiWatch: Ursprünglich entstand der Begriff Anfang des 20. Jahrhunderts als Selbstbezeichnung einer Bewegung, die sich von der „modernen“ Theologie und insbesondere einer wissenschaftlichen historisch-kritischen Bibelauslegung (also einem Verständnis der Bibel im Zusammenhang mit ihrem historischen Kontext) abgrenzen wollte. Der Begriff ist nicht völlig eindeutig, es gibt verschiedene Merkmale des christlichen Fundamentalismus, die je nach Gruppe bzw. Strömung durchaus unterschiedlich ausgeprägt sind. Im Kern geht es aber insbesondere um das weitgehend „wörtliche“ Verständnis der Bibel als unmittelbar für alle Lebens-
und Gesellschaftsbereiche geltende absolute Wahrheit. Ein solches Verständnis ist für eine pluralistische und demokratische Gesellschaft sehr gefährlich, da sich dessen Anhänger*innen regelmäßig sachlichen Argumenten und wissenschaftlichen Erkenntnissen verschließen und häufig auch nicht bereit sind, Kompromisse einzugehen. Wichtig ist insoweit aber zu betonen, dass es insoweit fließende Übergänge und viele verschiedene Facetten christlich-fundamentalistischer Gruppen gibt.
MIZ: Ist christlicher Fundamentalismus nach eurer Einschätzung ein Phänomen der religiösen Rechten oder ist umgekehrt die religiöse Rechte eine Teilmenge des christlichen Fundamentalismus?
FundiWatch: Sicherlich überschneiden sich die Phänomene des christlichen Fundamentalismus und der Christlichen Rechten stark. Der Unterschied liegt wohl eher darin, dass christlicher Fundamentalismus zunächst mal eine religiöse oder theologische Grundhaltung ist. Bei der christlichen Rechten geht es hingegen vor allem um eine politische und gesellschaftliche Agenda. Das kann, muss sich aber nicht zwingend überschneiden, auch wenn es hier zahlreiche Brückenideologien wie beispielsweise ein stark patriarchales und heteronormativ geprägtes Verständnis von Geschlechterrollen, Islamfeindlichkeit u.v.m. gibt. Es gibt aber durchaus auch eine Art des „weltabgewandten“ Fundamentalismus, der zwar ein christlich-fundamentalistisches Bibelverständnis hat, dies aber vor allem in seinem persönlichen, teils auch recht isolierten Umfeld lebt. Sozusagen: „Die Welt ist eh böse, wir müssen uns von dieser fernhalten, um nicht vom Glauben abzufallen.“ Die „Erlösung“ wird dann im Jenseits bzw. „Himmel“ gesehen.
Der christlichen Rechten geht es hingegen mehr darum, ihre religiös-politischen bzw. gesellschaftlichen Vorstellungen bereits im Hier und Jetzt umzusetzen. Nicht immer geht es dabei im ersten Schritt um konkrete politische Forderungen. Gerade evangelikale Bewegungen verfolgen an vielen Stellen das Ziel, in der heutigen Gesellschaft „das Reich Gottes zu bauen“ und Gesellschaften entsprechend ihren religiösen Werten bzw. daraus abgeleiteten Moralvorstellungen zu beeinflussen und zu transformieren. Die Formulierungen bleiben dabei auf den ersten Blick regelmäßig sehr abstrakt, bei näherer Betrachtung entdeckt man dann aber häufig durchaus eine erzkonservative und anti-pluralistische Agenda.
MIZ: Warum konzentriert ihr euch auf den christlichen Fundamentalismus? Fundamentalistische Strömungen gibt es auch in anderen traditionellen Religionen...
FundiWatch: Die Frage bekommen wir natürlich auch immer wieder gestellt. Besonders häufig in Sozialen Medien, gerne verbunden mit dem klassischen „whataboutism“. Natürlich gibt es auch in anderen Religionen fundamentalistische Strömungen, die ebenso ernst zu nehmen sind. Wir sehen im deutschsprachigen Raum aber eine große Leerstelle, wenn es um differenzierte Diskussionen über die dort weit mehrheitlich verbreitete christliche Religion und deren problematische Strömungen geht. Seit der Wiederwahl von Trump hat es tatsächlich auch in Deutschland mehr Berichterstattungen zum Thema christlicher Fundamentalismus gegeben. Häufig beziehen sich diese aber auf besonders extreme Gruppen. Die Gefahren lauern jedoch nicht nur an den Rändern, sondern vor allem in der Mitte und das gilt für Religionsgemeinschaften ebenso wie für die Gesellschaft insgesamt.
MIZ: Was seht ihr als derzeit größtes Problem in Zusammenhang mit christlichem Fundamentalismus an?
FundiWatch: Das lässt sich so eindeutig sicher nicht benennen. Vor allem kann es für Personen, die in christlich-fundamentalistischen Gruppen aufwachsen oder in diese hineingeraten, eine absolute Katastrophe sein. Gesamtgesellschaftlich macht uns aber vor allem Sorge, dass viel zu wenig Problembewusstsein für die Gefahren christlich-fundamentalistischer Ideologien besteht. Gerade im Bereich der Sozialen Arbeit und in der Kinder- und Jugendarbeit bis hin zu sogenannten Bekenntnisschulen gelingt es christlich-fundamentalistischen Gruppen – nicht selten auch vor dem Hintergrund klammer Haushaltskassen – in diese Bereiche vorzudringen und dort ihre Ideologien zu verbreiten. Bei Themen wie der Diskussion um die Einführung eines sogenannten „Sexkaufverbots“ arbeiten Politiker*innen teils auch linker Parteien plötzlich mit christlichen Fundamentalist*innen zusammen und bieten diesen somit eine zunehmende Anerkennung und Akzeptanz. Das ist schon ein großes Problem.
MIZ: Verfolgen christlich-fundamentalistische Strömungen nach eurer Beobachtung eine politische Agenda? Und falls ja: Welche Strategien verfolgen sie, um diese durchzusetzen?
FundiWatch: Wie schon erwähnt, ist das in Teilen durchaus der Fall aber auch nicht zwingend immer so. Bemerkenswert ist, dass man sich tatsächlich häufig stark als vermeintlich unpolitisch darstellt. Es geht dann laut diesen Selbstdarstellungen viel um soziales Engagement, Hilfe für Bedürftige, Nächstenliebe oder auch das häufig bemühte „christliche Menschenbild“. Dabei wird dann allerdings häufig versäumt zu hinterfragen, was unter diesen Begriffen verstanden wird.
Geht es beim „christlichen Menschenbild“ um die Würde aller Menschen und den Respekt vor deren Selbstbestimmungsrechten (was viele Christ*innen übrigens so sehen) oder geht es darum, dass es als Geschlechter nur „Mann und Frau“ gibt, queere Lebensweisen sündhaft oder gar krankhaft sind und diese in unserer Gesellschaft auch rechtlich nicht gleichgestellt werden sollten? Das sind zentrale Fragen, die viel zu selten gestellt werden.
MIZ: Informationsbereitstellung ist ein erster Schritt. Welche Möglichkeiten, christlichem Fundamentalismus konkret entgegenzutreten, seht ihr? Und wer steht hier in der Verantwortung?
FundiWatch: Christlichem Fundamentalismus entgegenzutreten ist sicherlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Selbstverständlich tragen hier auch die Religionsgemeinschaften eine große Verantwortung. Gleichzeitig sind aber auch entsprechende Bildungsangebote erforderlich, unabhängige Be-
ratungs- und Aufklärungsstellen, klarere Kriterien bei staatlichen Kooperationen u.v.m. Und letztlich ist natürlich auch immer im Blick zu behalten: Radikalisierungen sowohl im
politischen als auch im religiösen Bereich haben insbesondere auch gesellschaftliche Gründe wie Armut, Perspektivlosigkeit, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Misogynie… – die Liste ließe sich lange fortsetzen.
MIZ: Wir danken für das Gespräch.
