Allgemeines | Veröffentlicht in MIZ 2/26 | Geschrieben von Gunnar Schedel

Trennung von Staat und Kirche weltweit verteidigen

Als vor 250 Jahren die Vereinigten Staaten von Amerika entstanden, befanden die Gründungsväter, dass es eine kluge Sache sei, Politik und Religion auseinanderzuhalten. In einem Land, besiedelt von Menschen mit den unterschiedlichsten Bekenntnissen, erschien dies als der beste Weg, die Reli­gionsfreiheit der Einzelnen zu gewährleisten. Das heißt nicht, dass im Alltag alle gleichberechtigt gewesen wären, die Dominanz der White Anglo-Saxon Protestants war allgegenwärtig. Aber dennoch waren die USA ein Musterland der Trennung von Staat und Kirche. Der erste Verfassungszusatz von 1791 legte dann auch schriftlich fest, dass keine Religion sich des Staates als Werkzeug bedienen dürfe, ihre Vorstellungen durchzusetzen.

Das ändert sich gerade. Die von Texas eingeführte Pflicht, bestimmte Bibeltexte (u.a. die Schöpfungs­geschichte) an öffentlichen Schulen im Unterricht zu lesen, ist nur eines von vielen Beispielen. Interessanterweise ist davon in deutschsprachigen Medien relativ wenig zu hören. Während die Bemühungen der Trump-Admi­ni­stra­tion, die US-Demokratie und hier vor allem die Gewaltenteilung zu zerstören, große Aufmerksamkeit finden, wird über die zahlreichen Angriffe auf die weltanschauliche Neutralität des Staates seltener berichtet. Dabei ist es deutlich wahrscheinlicher, dass die demokratische Ordnung der USA auch die zweite Amtszeit von Donald Trump überstehen wird, als dass die Trennung von Staat und Kirche nach dem bisherigen Verständnis aufrechterhalten bleibt. Robert MacDonald beschreibt in seinem Artikel einige der Institutionen und Maßnahmen, die von der US-Regierung eingerichtet wurden, um dieses Ziel zu erreichen. Der betriebene Aufwand zeigt: Es ist für Trump, Vance & Co kein Nebenthema.
Der identitäre Einschlag, den Politik derzeit in fast allen Lagern hat, kommt dem entgegen. Bei den reaktionären Kräften war Religion schon immer ein Instrument in ihrem Werkzeugkasten. Auf gesellschaftlicher Ebene lassen sich damit ziemlich erfolgreich Gruppen gegeneinander ausspielen, auf individueller Ebene können Menschen autoritär konditioniert und von Selbst­ermächtigung abgehalten werden. Da für nennenswerte Teile der politischen Linken Identitätspolitik immer noch einen größeren Stellenwert hat als Ideologiekritik, bedient sie diese Ent­wicklung statt ihr etwas entgegenzusetzen. Das in Deutschland seit jeher vorherrschende Modell der Förderung bestimmter Religionsgemeinschaften (bei gleichzeitiger Nichtbeachtung kleinerer oder nicht genehmer Gruppen) ist die passende politische Umsetzung – und so ziemlich das genaue Gegenteil von der Vorgehensweise, mit der es in der USA für 250 Jahre gelang, bei einer religiös-weltanschaulich von vorneherein sehr vielfältigen Bevölkerung den gesellschaftlichen Frieden zu wahren.
Dieser Trend, insbesondere aber der Verlust an Bewusstsein, welch großen Fortschritt die Aufklärung in dieser Hinsicht brachte, ist nicht auf die USA beschränkt. In Dänemark gibt es in der dortigen Sozialdemokratie (die etwas rechts der deutschen einzuordnen wäre) hochrangige Funktionär:innen, die verkünden, die dänischen Volks­kirche (eine Staatskirche!) habe der Demokratie zum Durchbruch verholfen und dass dänische Soldaten „für das Christentum kämpfen“ sollen.1 Und als es in Berlin darum ging, ein Neu­tralitätsgesetz einzuführen, das alle gleich behandelt, kamen die heftigsten Attacken aus den Kreisen derer, die Begeisterung für die konservativsten Interpretationen des Islams für „Antirassismus“ halten.
Bleibt am Ende die Frage nach der Henne und dem Ei. Wird die Trennung von Staat und Kirche demontiert von Gestalten wie J. D. Vance, der öffentlich verkündet, er verrichte des Werk Gottes und wenn die Welt dabei untergehe, sei das auch in Ordnung.2 Oder kommen solche Politiker an die Macht in einem Umfeld, das die Gefährlichkeit religiösen Denkens nicht mehr sieht und die Bedeutung der weltanschaulichen Neutralität des Staates deshalb nicht versteht?
Ist es strategisch also sinnvoller, Gegner der Trennung von Staat und Kirche zu bekämpfen, wenn sie ihr Amt dazu nutzen, diese einzuschränken? Oder sollten die Kräfte darauf gerichtet werden, die im Vorfeld stattfindenden Auseinandersetzungen um die kulturelle Hegemonie zu führen?
In Zeiten, in denen sich die Schwarz-Weiß-Malerei großer Beliebtheit erfreut, heißt es, genau hinzusehen. Nicht jede Kritik an „dem Islam“ ist „Ras­sismus“ (wie der Text über die Art und Weise, wie CLAIM mit Daten umgeht, nahelegt). Nicht alle, die sich gegen den „politischen Islam“ aussprechen, sind potentielle Bündnispartner (zumal wenn sie zugleich Menschen nach Afghanistan abschieben und die vom dortigen islamistischen Regime ausgehende Gefahr für den kleinsten Funken Freiheitswillen herunterspielen). Und nicht jede Partei, die sich dafür ausspricht, irgendein Privileg der Kirchen zu streichen, tut dies, um die Trennung von Staat und Kirche voranzutreiben.
In dieser Ausgabe der MIZ ist die sehr konfrontative Entwicklung in den USA unser Titelthema, und Robert MacDonald nennt in seinem Beitrag Rösser und Reiter. Andere Artikel befassen sich mit der in Deutschland anzutreffenden Aufweichung des Neutra­li­täts­gebotes, die zudem manchmal über Umwege erfolgt. So verdeutlicht Christoph Horst, wie die Debatte über Schulpflicht und Hausunterricht den religiösen Kräften in die Karten spielt.
Wenn ich Christoph Lammers wäre, würde ich jetzt mit dem Satz schließen: In diesem Sinne, Geschichte wird gemacht!

Anmerkungen

1 https://www.fr.de/politik/sozialdemokratie-im-norden-daenemark-ist-ein-christliches-land-94425475.html (Zugriff jeweils 4.9.2026).
2 https://www.spiegel.de/politik/jd-vance-sagt-er-verrichte-gottes-werk-und-wenn-das-zur-endzeit-fuehrt-dann-ist-das-eben-so-a-76bf5655-c80e-43ae-b952-83de4747e412.