Habermas’ Werk steht im Spannungsfeld zwischen philosophischer Theorie und politischer Öffentlichkeit. Verbunden mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, repräsentiert er die zweite Generation der Kritischen Theorie – jene Denkschule, die aus der Katastrophe des 20. Jahrhunderts den Auftrag zog, Aufklärung nicht nur zu kritisieren, sondern zu erneuern. In einer Gegenwart, in der sich liberale Demokratien unter dem Druck von Populismus, Identitätspolitik und „postfaktischen“ Öffentlichkeiten neu behaupten müssen, wirkt „sein“ Projekt der Aufklärung erstaunlich aktuell.
Vom Schüler Adornos zum globalen Denker
Nach seiner Promotion 1954 und der Habilitation 1961 (bei Theodor W. Adorno) wurde Habermas zum zentralen Sprecher einer intellektuellen Nachkriegsgeneration, die Aufklärung gegen Zynismus und Gleichgültigkeit verteidigte. In Erkenntnis und Interesse (1968) formulierte er das Programm einer Vernunft, die sich ihrer eigenen Bedingungen bewusst bleibt. Die Moderne, so Habermas, sei kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eine „noch unabgegoltene Aufgabe“.1 Dieser Satz bezeichnet sein philosophisches Credo: Aufklärung darf nicht durch Selbstrelativierung verstummen.
Streit mit der Postmoderne
In den 1980er Jahren rückte Habermas in die Auseinandersetzung mit den Denkern der Postmoderne: Foucault, Derrida, Lyotard. Für sie war Vernunft ein Instrument der Macht, Wahrheit nur eine Funktion von Diskursen. Habermas widersprach scharf: „Kein Argument, das sich selbst aufhebt, kann noch überzeugen“.2
Er diagnostizierte in der, wie er es nannte, „performativen Selbstwidersprüchlichkeit“ postmoderner Theorien eine Flucht vor dem Anspruch universeller Argumentation. Foucaults Genealogien zeigten zwar, dass Wissen und Macht sich verflechten, doch Habermas betonte, dass genau diese Einsicht rationaler Prüfung bedarf. Die Vernunft sei nicht bloß Herrschaftsinstrument, sondern das einzige Korrektiv gegen Herrschaft.
Hier liegt die Aktualität seines Denkens: In einer Zeit, in der „Meinung“ und „Wahrheit“ verwechselt werden, erinnerte Habermas daran, dass Rationalität nicht Elfenbeinturm, sondern Grundbedingung öffentlicher Verständigung ist.
Die kommunikative Vernunft und das Recht
In Faktizität und Geltung (1992) entwarf Habermas seine Theorie deliberativer Demokratie. Recht und Moral haben hier keinen göttlichen Ursprung, sondern ergeben sich aus diskursiver Einigung. Eine Gesellschaft hält zusammen, weil ihre Mitglieder Argumente austauschen: „Demokratie lebt vom kommunikativen Handeln freier und gleicher Bürger.“3
Das ist, im humanistischen Sinne, eine radikal säkulare Position. Wahrheit entsteht im Dialog, nicht im Dogma. Vernunft ist kein Besitz, sondern ein Verfahren, „mit Konflikten durch Argumente umzugehen“.4 Diese Definition gehört zu den prägnantesten Formeln säkularer Ethik des 20. Jahrhunderts. Sie beantwortet auch eine alte Frage des Atheismus: Woher kommt Moral ohne Religion? Aus der Praxis vernünftiger Verständigung.
Habermas’ früheres Denken bietet jenen, die sich als liberale Humanist*innen verstanden, eine immanente Begründung des Guten, die ohne überweltliche Instanz auskommt.
Die späte Wendung zur Religion
Umso überraschender erschien sein Tonwechsel nach der Jahrtausendwende. In Glauben und Wissen (2001) formulierte Habermas, die säkulare Vernunft müsse „aus den semantischen Ressourcen der Religion schöpfen“.5 Religiöse Überlieferungen bewahrten, so meint er, Ausdrucksformen menschlicher Erfahrung, die das nachmetaphysische Denken nicht ersetzen könne.
In Auch eine Geschichte der Philosophie (2019) heißt es folgerichtig: „Die säkulare Vernunft verdankt den religiösen Traditionen Begriffe der Verantwortung, der Schuld und der Erlösung.“6 Der Gedanke, Religion sei ein moralischer Vorrat an Bedeutungen, zog sich durch seine späten Texte.
Doch darin liegt ein Widerspruch zu seinem eigenen Fundament. Denn wenn moralische Kommunikation aus gegenseitiger Anerkennung entsteht, braucht sie keinen metaphysischen Restbestand. Habermas möchte Religion „übersetzen“, ohne sie ganz loszulassen, und unterschätzt dabei, dass die Sprache der Vernunft selbst längst über ausreichende Ausdruckskraft verfügt.
Kritische Würdigung aus humanistischer Sicht
Aus säkular-humanistischer Perspektive ist dieser Rückgriff eine ungewollte Schwäche. Er verrät ein Restmisstrauen gegenüber der autonomen Moral der Vernunft. Statt den Humanismus als reife Form des nachmetaphysischen Ethos zu begreifen, stellt Habermas ihm ein religiöses Alibi zur Seite.
Dabei zeigen empirische Studien zur Säkularisierung, dass säkulare Gesellschaften moralische Orientierung auch ohne religiöse Institutionen ausbilden. Linda Woodhead hat gemeinsam mit Paul Heelas den Bedeutungswandel von Religion in westlichen Gesellschaften beschrieben; die breitere Forschung zur Säkularisierung unterstützt die Einsicht, dass Moral nicht auf kirchliche Bindung angewiesen ist. Moral, so die Forschung, gedeiht nicht, trotz Säkularisierung, sondern durch sie.7
Was Habermas als Verlust empfindet, ist in Wahrheit ein Fortschritt: Die Entzauberung der Welt ist keine Leere, sondern der Raum, in dem Menschen Verantwortung in eigener Sache übernehmen.
Quelle moralischer Energie ist nicht der Glaube, sondern das Vertrauen in Argument und Erfahrung. Wer – wie Habermas selbst einst – an den Diskurs glaubt, braucht keine religiösen Semantiken zur Stütze.
Aufklärung als Aufgabe
Habermas’ bleibende Größe liegt darin, dass er sich nie mit einfachen Antworten zufriedengab. Er kennt die Schatten der Aufklärung: ihren Eurozentrismus, ihre Nähe zur instrumentellen Rationalität. Doch er zieht daraus keine Absage an Vernunft, sondern eine Verschärfung ihres Anspruchs. „Niemand kann heute für sich allein beanspruchen, im Besitz der Wahrheit zu sein.“8
Die Aufklärung ist, in diesem Sinne, nicht der Sieg des Lichts, sondern der Wille, auch das eigene Licht zu befragen. Sie bleibt ein unvollendetes Projekt, das nur fortbesteht, wenn wir seine Werte praktisch einlösen – in Wissenschaft, Demokratie, und zivilem Diskurs.
Habermas verkörpert den Versuch, die Moderne gegen ihre Zerstörung zu verteidigen – gegen Dogma, Autorität und Zynismus gleichermaßen. Sein Vertrauen in die Macht des Arguments ist von ungebrochener Aktualität. Doch seine spätere Hoffnung auf Religion zeigt, wie tief selbst rationale Denker das Bedürfnis nach (irrationalem) Sinn spüren.
Für Humanist*innen und Konfessionslose bleibt Habermas zugleich Vorbild und Warnung: Vorbild, weil er die Vernunft als gemeinsames Band der Menschheit versteht; Warnung, weil er zeigt, wie leicht selbst Aufklärer versucht sind, den Rückweg ins Symbolische zu suchen.
Dennoch: Habermas’ Grundgedanken liegt vielleicht das Entscheidende zugrunde: Vernunft ist verletzlich, fehlerhaft und zwiespältig – aber sie ist das Einzige, was uns bleibt, um die Welt zu verstehen und sie zu verändern.
Anmerkungen
1 Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Berlin 142022, S. 15.
2 Ebenda, S. 90.
3 Habermas, Jürgen: Faktizität und Geltung. Berlin 82023, S. 107.
4 Ebenda, S. 120.
5 Habermas, Jürgen: Glauben und Wissen. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001. Berlin 102001, S. 20.
6 Habermas, Jürgen: Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen. Berlin 2022, S. 55.
7 Vgl. Woodhead, Linda / Heelas, Paul: The Spiritual Revolution. Why Religion Is Giving Way to Spirituality. Hoboken 2004. Pollack, Detlef: Säkularisierungstheorie. Docupedia-Zeitgeschichte. Quelle: https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/251/file/docupedia_pollack_saekularisierungstheorie_v1_de_2013.pdf [Letzter Zugriff: 15.5.2026].
8 Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne, S. 95.
