Prisma | Veröffentlicht in MIZ 4/20 | Written by Rebecca Schönenbach

Warum Silvester 2015 auf die Tagesordnung muss

Fünf Jahre nach dem Gewaltexzess gegen Frauen in Köln erscheinen eine Reihe von Bilanzen. Es wird betont, dass Racial Profiling 
kritisiert worden sei, und die Polizei daraufhin ihre Strategie um­gestellt habe. Die negativen Auswirkungen auf die Willkommens­kultur werden ebenso bedauert wie die Hetzkampagnen durch Rassisten. Auch die geringe Zahl der Verurteilungen wird erwähnt und die Entschuldigung des jetzigen NRW-Ministerpräsidenten für das Staatsversagen gegenüber den Frauen am Kölner Bahnhof. Ansonsten tauchen die Opfer kaum auf. Es gibt keine Berichte über die psychischen Folgen und die Auswirkungen auf das Leben der Frauen – ebenso wenig wird über die Täter berichtet.

Das eigentliche Problem – massive Gruppengewalt gegen Frauen durch hunderte Täter – wird gemieden. Immerhin schreibt der Tagesspiegel unter Berufung auf den Sozialpsychologen und Gewaltforscher Andreas Zick: „Situationen wie die in Köln entstünden immer wieder, und aus den Daten könne man viel lernen für Gewaltprävention, den Schutz von Betroffenen und rechtzeitiges Gegensteuern“. Tatsächlich war der Gewaltexzess kein singuläres Vorkommnis, Gruppenübergriffe auf Frauen fanden nicht nur in der Silvesternacht 2015 in Köln und anderen Städten statt, sondern auch auf Musik- und Straßenfestivals.

Zick meint mit Prävention zum Beispiel, „wie man öffentlichen Raum so gestaltet, dass er nicht Gewalt und Straflosigkeit noch begünstigt“. Zur Prävention weiterer Taten wäre es jedoch naheliegender, die Ursachen für die Gewalt gegen Frauen zu analysieren. Die Gestaltung des öffentlichen Raums mag Taten begünstigen, aber begangen werden die Übergriffe nicht durch Straßenlaternen, sondern durch Täter. In den Rückschauen wird betont, dass sexuelle Gewalt in Deutschland meist im privaten Umfeld stattfindet. Das stimmt, jedoch ist dies kein Argument, die Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum nicht zu bekämpfen, zumal die Polizeiliche Kriminalstatistik 2019 festhält, dass 2018 und 2019 „Straftaten aus Gruppen“ gegen die sexuelle Selbstbestimmung nach §184j StGB auffällig häufig von Minderjährigen begangen wurden, also auch im Interesse der Kinder frühzeitig präventive Maßnahmen ergriffen werden sollten.

Das anhaltende Schweigen über Taten und Täter veranlasste die Integrationsexpertin Naïla Chikhi und mich, Frauen aus verschiedenen Fachbereichen und Kulturkreisen um ihre Einschätzung zu Gewalt gegen Frauen zu bitten – ausgehend von „Köln“. Obwohl dies die einzige Vorgabe war, zeichnen die zehn Beiträge ein Bild, das „Köln“ nicht als marginales, sondern als internationales Phänomen zeigt – ein Phänomen, das seit der Machtergreifung durch islamistische Kräfte quer durch die islamische Welt als Herrschaftsinstrument gegen Frauen bekannt ist und die vorher entstandenen Frauenbewegungen in diesen Ländern erstickte. Sowohl Analystinnen und Analysten als auch Feministinnen schreiben seit Ende der 1970er Jahre über dieses Gewaltphänomen: Sexuelle Gruppengewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum wird durch Islamisten bewusst gefördert, um die angestrebte Unterordnung der Frau unter den Mann und ihre „Einhegung“ in den privaten, häuslichen Bereich zu forcieren. Nach jahrzehntelanger Herrschaft religiös und patriarchal dominierter Regierungen ist die Gewalt im öffentlichen Raum in diesen Ländern Teil des Alltags von Männern und Frauen gleichermaßen geworden. Die Täter-Opfer-Umkehr – „Warum war sie denn überhaupt draußen unterwegs?“ – ist als Argument so allgegenwärtig wie die Gewalt gegen Frauen selbst.

Diese Art der Täter-Opfer-Umkehr war auch in Europa bekannt. Die Frage, warum das Vergewaltigungsopfer denn spätnachts unterwegs gewesen sei, ist klassisches Victim Blaming, die Schuldsuche beim Opfer. Hinter dieser Frage steht die jahrhundertelange Prägung durch christliche Sexualmoral, die Frauen unter Verdacht stellt und ihren Bewegungsradius einschränkt. Erst die Frauenbewegung in den 1970er Jahren spießte dieses Denken auf. „Take back the night“ als internationaler Schlachtruf richtete sich explizit gegen die Verdrängung von Frauen aus dem öffentlichen Raum durch christliche „Unkeusche Frauen sind Freiwild“-Mentalität. Durch die scharfe Religionskritik änderte sich nicht nur die Einstellungen zu Geschlechterrollen, sondern auch die zu Gewalt gegen Frauen. Die Abnahme von Gewalt ist auch der nachhaltigen Abkehr der Gesellschaft von religiöser Keuschheitskultur zu verdanken. Können Täter aus der Mehrheitsgesellschaft heute nicht weiter mit Rückhalt rechnen, ist die Zahl von Gewalt betroffenen Frauen mit Migrationshintergrund weiterhin überproportional hoch. Diese Gewalt wird kaum thematisiert, den Opfern kaum Beistand geleistet.

Auch direkt nach den Übergriffen von „Köln“ wurde Victim Blaming betrieben. Ebenfalls im Tagesspiegel spekulierten Journalistinnen, ob die Opfer eventuell keine waren, sondern die Taten aus rassistischen Motiven erfunden hätten. Statt solidarisch mit den Opfern die Taten grundsätzlich zu verurteilen, wurde versucht, die Gewalt durch Umstände zu erklären. Die Umgestaltung des öffentlichen Raumes als Präventionsvorschlag setzt die Loslösung der Tatverantwortung von der Tat im Sinne des „sie waren halt draußen“ fort. Die Täter werden soweit aus der Verantwortung entlassen, dass sie selbst zu Opfern der Umstände verklärt werden.

Um Rassismus keinen Vorschub zu leisten, werden Ursachenforschung und Religionskritik mit Herkunft gleichgesetzt – und damit Rassismus gerade gefördert. Nur durch Ursachenanalyse der Taten kann zwischen Tätern auf der einen und Migranten sowie Geflüchteten auf der anderen Seite unterschieden werden. Wer sich weigert, die Ursachen zu benennen, begünstigt die Gleichsetzung von Tätern und Migranten, denen pauschal jede Individualität und individuelle Verantwortung abgesprochen wird. Dem folgt die Weigerung, zwischen Herkunft und Religion zu unterscheiden. Wie die Beiträge in Ich will frei sein, nicht mutig – FrauenStimmen gegen Gewalt zeigen, sind die Ursachen des Gewaltphänomens „Köln“ religiöser, kultureller und politischer Natur. Kulturell-patriarchale Werte werden mit (pseudo-)religiöser Begründung legitimiert, Frauen zu „Freiwild“ deklariert, zu Menschen zweiter Klasse, die sich Übergriffe selbst zuzuschreiben haben. Wer nun allen Menschen aus islamischen Ländern dieses Denken unterstellt, erfasst Religion und Kultur als unveränderliche Merkmale und definiert Geflüchtete pauschal zu Tätern. Dieser gutgemeinte Paternalismus wird zu Rassismus, der wiederum gerade diejenigen geflüchteten Frauen trifft, die vor der religiös-patriarchalen Gewalt dieser Systeme geflohen sind.

Während #metoo erreicht hat, dass Frauen der Mehrheitsgesellschaft gegen Gewalt uneingeschränkt beigestan­den wird, wird Frauen aus Minderheiten diese Solidarität gegen Täter verweigert. Täter handeln meist nicht bewusst politisch, aber vor dem Hintergrund ihrer religiösen und kulturellen Prägung. Wer vor Religionskritik zurückschreckt, verhindert den Mentalitätswandel, für den Frauenrechtlerinnen in der gesamten islamischen Welt ihr Leben riskieren und der jedem Individuum die Freiheit ermöglicht, sich für Gleichberechtigung zu entscheiden. Die Weigerung, über „Köln“ zu sprechen, liefert Frauen Gewalt aus, in der islamischen Welt wie in Europa – gerade Frauen in islamischen Gemeinschaften. Wer Frauen grundsätzlich Menschenrechte zugesteht, muss sich mit den Ursachen von Gewalt gegen Frauen auseinandersetzen – überall und zu jeder Zeit, in Köln wie in Kabul.

Literatur

Polizeiliche Kriminalitätsstatistik. Bundesrepublik Deutschland Jahrbuch 2019, Band 4, Einzelne Straftaten/-gruppen und ausgewählte Formen der Kriminalität
Andrea Dernbach: „Welche Lehren aus der Kölner Silvesternacht gezogen wurden“, in: Tagesspiegel, 28.12.2020
Dagmar Dehmer / Andrea Dernbach: „Warum habt ihr keinen Respekt?“, in: Tagesspiegel, 10.1.2016